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E I N S C H L U S S
Kunstprojekt in der Haftanstalt Erfurter Andreasstraße

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SOMMER 2006 "EINSCHLUSS 2"

SOMMER 2005 - EINSCHLUSS I --- flyerdaten

RÜCKBLICK

Einschluss – Ausstellung in der Andreasstraße - Abschlussbericht

1. Vorgeschichte
1.1.Vorbereitungsphase bis Mai 2005
1.2. Die Mitarbeiter
1.3. Gebäude und Ausstellungsaufbau
2. Eröffnung
3. Arbeitsphase
3.1. Veranstaltungsreihe
3.2. Historische Führungen
3.3. Informationsmaterial
3.4. Die Besucher
3.4.1. Prominente Besucher
3.4.2. Die Erfurter
3.4.3. Junge Besucher
3.4. Betreuung der Ausstellung
4. Zeitzeugen und deren Angehörige und Freunde
5. Bericht des künstlerischen Leiters
6. Bilanz und Zukunft

1. Vorgeschichte

Die Thüringische Landeszeitung meldete am 16.11.2004, dass die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Hildigund Neubert, erreichen konnte, dass das frühere Stasi-Gefängnis in der Andreasstraße in Erfurt nicht abgerissen wird. Diese Meldung war etwas voreilig. Der Antrag auf Abriss war gestellt, die Behörden sahen keine sinnvolle und finanzierbare Zukunft für das Gebäude. Der Gedanke, im Sommer 2005 mit einer Kunstausstellung das Haus zu öffnen, hatte zum Ziel, das Haus zu retten und eine Gedenkstätte denkbar zu machen.

1.1. Vorbereitungsphase bis Mai 2005

Schon ab dem Spätherbst 2004 traf sich die Vorbereitungsgruppe für das Andreas-Projekt regelmäßig. Beteiligt waren: Barbara Sengewald und Matthias Sengewald, Gesellschaft für Zeitgeschichte, Dieter Seidel und Hildigund Neubert TLStU, Manfred May als künstlerischer Projektleiter.
Es war eine Vielzahl von Problemen zu bedenken.
Manfred May stellte den Kontakt zu den Künstlern her, informierte sie über Bedingungen und Umstände. Die inhaltliche Gestaltung der begleitenden Veranstaltungen lag in der Hand der Landesbeauftragten. Die politisch notwendigen Kontakte wurden vor allem von der GfZ gepflegt.

So wurde der Oberbürgermeister der Stadt Erfurt, Herr Manfred Ruge, in das Ausstellungskonzept eingeweiht und sagte sofort Unterstützung zu, nicht nur bei den Vorbereitungsarbeiten, sondern auch für den weiteren Erhalt des Gebäudes. Die praktische Unterstützung kam dann in der Aufbauphase aus dem Hochbauamt. So engagierte sich die städtische Bauhütte am nahe gelegenen Petersberg für die Bereitstellung einer provisorischen Beleuchtungsanlage innerhalb der Haftanstalt sowie für die Aufstellung eines Absperrzaunes im Hof der Anstalt.
Auch die Anlieger der Liegenschaft (Polizeidirektion und Landgericht) wurden informiert, darüber, was sich in Kürze in ihrer Nachbarschaft ereignen wird, verteilte doch die Polizei regelmäßig Strafzettel für kurzzeitig vor der Haftanstalt haltende Fahrzeuge der einschlägigen Gewerbe. Eine Regelung dazu konnte schließlich über das Verkehrsamt der Stadt Erfurt erreicht werden.

Ebenfalls im November 2004 erteilte Prof. Michael Mann, Leiter des Bereiches „Bauen im Bestand“ an der Fachhochschule Erfurt, Studenten den Auftrag, ein Konzept zur Umgestaltung des Gefängnisses in ein Jugendhotel zu entwickeln und dabei eine Gedenkstätte zu integrieren. Dazu wurden erste konzeptionelle Gedanken zu einer möglichen Gedenkstätte von der Landesbeauftragten und der GfZ erarbeitet. Vom 20. bis 30. April 2005 präsentierten die Fachhochschule und die Landesbeauftragte im Thüringer Landtag die besten der Studentenarbeiten den Abgeordneten und legten eine Broschüre dazu vor.

Nach dem Eingang des Bewilligungsbescheides der Aufarbeitungsstiftung, der nur die Hälfte des erbetenen Betrages zusagte, stand zunächst die Geldbeschaffung im Vordergrund.
Die Beantragung von EU-Mitteln scheiterte an den langen Antragsfristen, die sämtlich schon verstrichen waren. Gleiches galt für Mittel der Kulturstiftung des Bundes. Glücklicherweise fand sich das Thüringer Kultusministerium zu einer Lottomittel-Förderung bereit. Das Renommee von Manfred May veranlasste die Kulturstiftung der Sparkassenversicherung zu einer kräftigen Spende, so dass wir mit etwa ¾ des ursprünglich veranschlagten Haushaltes rechnen konnten.
Der Ausgleich dieses Defizits gelang vor allem dadurch, dass Manfred May die vier auswärtigen Künstler in der Vorbereitungsphase in seinem Hause beherbergte. Dadurch wurden nicht nur die Kosten gesenkt, es entstand auch eine sehr intensive Werkstattatmosphäre, die wesentlich zum Gelingen des Projektes beigetragen hat.

Im Laufe des Frühjahrs mussten auch zahlreiche bürokratische Hürden überwunden werden. Für den Betrieb einer Ausstellung in einem stillgelegten Gebäude war eine Baugenehmigung der Stadtverwaltung Erfurt notwendig. Dafür musste ein Brandschutzkonzept mit zweitem Fluchtweg aus dem 2. Obergeschoss erarbeitet werden. Die notwendigen Brandmelder wurden in Eigenleistung installiert, die Feuerlöscher wurden von einer Brandschutzfirma gespendet. Auch von den Denkmalschutzbehörden des Landes und der Stadt waren Genehmigungen notwendig. Diese Stellen unterstützten das Projekt zur Rettung des Hauses jedoch intensiv. Verträge mit dem Energieversorger und dem Wasserlieferanten mussten abgeschlossen werden.

Spenden von Handwerkerleistungen hat vor allem Dieter Seidel durch intensive Informationsarbeit auch von einer Klempnerfirma, einer Elektrofirma und von der Stadt Erfurt eingeworben, so dass der Projekthaushalt weiter entlastet wurde.

Die Vorsitzende der Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V. Barbara Sengewald erledigte im Vorfeld viele Verwaltungsarbeiten. Außerdem oblagen ihr für das Gesamtprojekt die komplette Buchhaltung, die finanzielle Aufsicht und die Verwaltung der Spendengelder. Die detaillierte Abrechnung ergeht separat.
Die Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V. stellte Broschüren bereit, die in Kooperation mit der TLStU gedruckt worden waren.
Dieter Seidel hatte eine nicht immer einfache Doppelfunktion zu erfüllen, da er sowohl Mitarbeiter der Landesbeauftragten als auch Vize-Vorsitzender der Gesellschaft für Zeitgeschichte ist. Er kümmerte sich um alle organisatorischen Belange, Zeitabläufe, Verträge mit Beteiligten und Kontakte zu den Behörden der Stadt Erfurt, später auch um die Veranstaltungstechnik für die Donnerstags-Reihe. Die GfZ hatte die Arbeitsorganisation für die Ausstellungsaufsicht inne.

Die Festlegung der Öffnungszeiten hatte auch konzeptionelle Konsequenzen. Die Ausstellung musste so gestaltet sein, dass Besucher sich ungeführt frei bewegen konnten. Die angelernten 1-€-Jobber waren unterschiedlich qualifiziert und nicht alle waren zu substantiierten Auskünften fähig. Frau Böttcher, die selber ehemals politische Gefangene gewesen ist, und zwei weitere Mitarbeiter haben unangemeldete Besucher geführt und zahllose Gespräche gehabt.
Zur Information der Besucher über den Ort und das Haftregime des MfS erarbeitete Dr. Herz, Referentin bei der Landesbeauftragten, Informationstafeln, die in einem separaten Raum gezeigt wurden, damit Besucher auch ohne Führung die notwendigen Informationen erhalten konnten. Zusätzlich wurde eine Zusammenfassung dieser Fakten auf einem Flugblatt angeboten.

Am 4.5.2005 veranstalteten GfZ und TLStU ein Pressegespräch in der Haftanstalt, wo das Gebäude für die Presse erstmals geöffnet wurde und das Projekt und seine Förderer vorgestellt wurden. Projektleiter Manfred May erläuterte sein Konzept für die Kunstausstellung. Die Tageszeitungen meldeten, dass es in der Andreasstrasse eine Kunstausstellung geben werde, verbunden mit der Möglichkeit die im Original erhaltenen Zellen der Stasi-U-Haft anzusehen.

1.2. Die Mitarbeiter

Kompliziert gestaltete sich die Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit (ARGE). Gleich am Jahresbeginn beantragte die Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V. eine Maßnahme zur Durchführung von 1-€-Jobs. Nachdem lange keine substantiierte Mitteilung zu erhalten war, teilte die ARGE einen „Maßnahmestopp“ mit, so dass keine Vermittlung möglich sei. In dieser Situation entstand zufällig der Kontakt zur Dekra-Akademie, die Arbeitskräfte beantragt und zur Verfügung hatte und durch Ausfall eines Projektes Beschäftigung suchte. So war es möglich, sechs Personen aus dem Pool der Dekra-Akademie zu beschäftigen, eine weitere Person wurde auf unseren Wunsch noch in die Maßnahme integriert.

Es bestand die Notwendigkeit, die Arbeitskräfte vorher für das Projekt zu sensibilisieren und weiterzubilden. Da die Maßnahme am 13.05.2005 begann, wurden Seminare organisiert. Am 17.5. fand unter der Leitung der Landesbeauftragten Neubert und der Historikerin Dr. Herz eine Schulung im Thüringer Landtag statt. Unter anderem wurde eine Dokumentation über die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen gezeigt. Dr. Herz hielt einen Vortrag über die Arbeitsweise der ehemaligen Staatssicherheit der DDR.
Mit Hilfe der Dekra-Akademie konnte am 19.5. eine Busfahrt nach Berlin organisiert werden. Die künftigen Ausstellungs-Betreuer besichtigten das Mauermuseum in Berlin mit dem angeschlossenen Dokumentationszentrum, wurden über die Tätigkeit des Berliner Bürgerbüros informiert und erhielten eine Führung in dem ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Am 20.5. fand dazu eine Auswertung im Landtag statt. Eine der 1-€-Jobberinnen, Marina Böttcher, wurde mit der Abfassung eines Berichtes beauftragt.
Zusätzlich wurde eine Führung durch die Behörde der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Erfurt veranstaltet. Herr Stein und Frau Romanus erläuterten die Arbeits-Weise der Behörde.
Am 25.5. hielt die Historikerin Dr. Herz noch ein Seminar, wo speziell die Haftbedingungen im Erfurter Gefängnis behandelt wurden. Ein Ortstermin am künftigen Arbeitsort fand am folgenden Tag statt.

1.3. Gebäude und Ausstellungsaufbau vom 1.6. bis 15.6.2005

Am 01.06. begann der praktische Teil, die Vorbereitungsarbeiten für die Ausstellung. Dieter Klipphahn, verantwortlich für die Anleitung der Arbeitskräfte, die Technik und Werkzeug, führte eine Arbeitsschutzbelehrung durch und wies auf die Sicherheitsmängel des Gebäudes hin.
Vieles war notwendig. Das alte Haftgebäude musste begehbar gemacht werden. Zahlreiche Sicherheitsvorgaben der Behörden mussten im Gebäude und Gelände umgesetzt werden. Die meisten Teile des Gebäudes und des Geländes mussten abgesperrt werden.

Für die nötigen kleinen Bauarbeiten wurde der Verein Neues Kloster e.V. gewonnen. Der Verein betreut jugendliche Strafgefangene in Ichtershausen durch Arbeitsangebote. Die Jugendlichen errichteten unter Anleitung Absperrungen, eine Fluchtwegsicherung und eine improvisierte Projektionswand, die den Torweg absperrte, in dem die Veranstaltungen stattfinden würden.

Am 01.06. begannen die Künstler mit ihren Installationen.

Im Vorfeld der Eröffnung mussten noch so einige Probleme gelöst werden. Improvisationstalent war gefragt. Hier hat Dieter Klipphahn viel bewegt. Im gesamten Gebäude, es gab weder Strom noch Wasser.
Die 1-€-Jobber säuberten das gesamte alte Haftgebäude und befreiten den Hof vom Unkraut. Auch wurden die Künstler bei ihren Installationsarbeiten unterstützt.
Die Dekra-Akademie lieferte leihweise Möbel, Geschirr und einen Schrank für den Aufenthaltsraum der Mitarbeiter. Von der Dekra wurden auch die Diensthandys zur Verfügung gestellt. Später folgte noch eine Kaffeemaschine. Es wurde unter spartanischen Bedingungen gearbeitet. Es gab zwar dann einen Kaltwasseranschluss und eine Toilette in einer Kellerzelle. Das Putzwasser aber musste mit dem Tauchsieder erhitzt werden. Die Mitarbeiter stellten u.a. einen Wasserkocher und Gartengeräte zur Verfügung.
Wenn jeweils ein/e  Künstler/in fertig war, gab es eine Nachreinigung.
Schilder wurden angefertigt und angebracht, Fluchtwege u.ä. gekennzeichnet.

Die von Dr. Herz erarbeiteten Informationstafeln zur Gefängnis-Geschichte und den allgemeinen Haftbedingungen wurden in einem gesonderten Raum aufgehängt.
Die Mitarbeiter erhielten Informationsmaterial.
Dorothea Kunz war verantwortlich für die Anwesenheitskontrolle und den Schlüsseldienst. Zusätzlich verteilte sie während der gesamten Zeit in der Stadt Plakate und Flyer.
Tätigkeitsbuch, Anwesenheitsliste und ein Dienstplan für die Mitarbeiter sowie ein Buch für die Besucherstatistik wurden erstellt. Ein Besucherbuch wurde ausgelegt.
Das Brandschutzkonzept musste umgesetzt, Rauchmelder und Feuerlöscher installiert werden.
Den Pressetermin am 10.06. mit Frau Elsner von der TLZ übernahm Frau Böttcher. Am gleichen Tag gab es eine Havarie an der Wasserleitung im Keller.
Ein Elektriker wurde kurzfristig für die Kunstinstallationen benötigt.

Am 13. Juni, zwei Tage vor der Eröffnung, erfolgte die Abnahme durch eine Kommission aus Mitarbeitern des städtischen Bauamtes, der Feuerwehr, des Hausverwalters Thüringer Liegenschafts-Management und des Thüringer Bauministeriums. Es fand noch eine ausführliche Brandschutz- und Fluchtwegbelehrung statt.

Die Mitarbeiter reinigten kurz vor der Eröffnung die Gedenktafel an der Außenmauer des Gefängnisses in der Andreasstraße. Die Ausstellungsflyer trafen ein.
Die Stühle für die Veranstaltungen wurden am 14.6. geliefert.
Die Mitarbeiter bekamen konkrete Anweisungen für die Bedienung der elektronischen Geräte, die für die Kunstwerke notwendig waren. Am 14.6. funktionierte dann auch das Licht in der Isolierzelle. Das Regal für das Informationsmaterial wurde aufgebaut.
Vor der Eröffnung reinigten die Mitarbeiter noch alle Stühle, ein Rednerpult wurde aufgestellt.
Herr Seidel, Mitarbeiter der TLStU, führte einen Rauchmeldertest durch, der später wöchentlich wiederholt wurde.

2. Eröffnung

Am 15.6.2005 wurde die Ausstellung eröffnet. 230 Besucher füllten redend den Hof, als Agnes Erkens in einer getragenen Vokalise zu singen begann. Ihre Stimme breitete allmählich eine Stille über den Hof und die Menschen, die eine konzentrierende Einstimmung auf das ermöglichte, was nun erstmals Besucher sehen sollten. Jörg Drieselmann, der heute die Berliner Gedenkstätte Normannenstraße leitet, sagte als ehemaliger Gefangener: “Ist es nicht unglaublich, welchen Aufwand an Mauern, Stacheldraht, Wächtern und Stasioffizieren die SED betreiben musste, um den Freiheitswillen der Thüringer zu bändigen? Und letztlich ist es ihnen nicht gelungen. Das Gefängnis ist ein Ort der Freiheit geworden.“ Frank Hiddemann von der Evangelischen Akademie Thüringen führte in die Kunstwerke ein. Dr. Grünbaum von der Stiftung Aufarbeitung wies auf die besondere Rolle der MfS-Haftanstalt in der Thüringer Gedenkortlandschaft hin. Die Landesbeauftragte Neubert, die Vorsitzende der Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V. Barbara Sengewald und der Leiter des Kunstprojektes May dankten den Förderern und zahlreichen Unterstützern des Projektes.
Bei alkoholfreien Getränken und Wein standen noch bis weit in die Nacht Gesprächsgruppen auf dem Hof zusammen.

 3. Arbeitsphase

3.1 Veranstaltungsreihe in der Verantwortung der TLStU
Jeweils donnerstags fanden um 19.30 Uhr im ehemaligen Gefängnishof Veranstaltungen statt.
In der Veranstaltung am 23.6. sprach Christian Staudinger über Folter und Haft in der Diktatur. Hier nahmen 24 Interessierte teil.
Am 30.6. musste die Buchlesung von Gabriele Stötzer in die Andreaskirche verlegt werden, da das Wetter so schlecht war. Dies war die einzige örtliche Verlegung. Letztendlich war die Andreaskirche dafür ein guter Ort, denn Frau Stötzer stellte dort gerade Engel-Skulpturen aus. 49 Interessierte nahmen an der Lesung teil.
Jörg Pittelkow von der BStU Erfurt sprach am 7.7. über Thüringer MfS-Strafverfahren nach dem 17.6.1953. 25 Besucher, darunter einige Betroffene, nahmen teil.
„Gedenkstätte und Jugendhotel Andreasstraße“, studentische Facharbeiten zum Thema „Bauen im Bestand“, darüber referierte Professor Mann von der FH Erfurt am 14.7. 20 Besucher interessierte dieses Thema.
Jürgen K. Hultenreich aus Berlin las am 21.7. aus seinem Buch „Die Schillergruft“. In seinem Buch werden u.a. die Haftbedingungen in der ehemaligen Erfurter Stasi-U-Haft beschrieben.
Hier erschienen 24 Besucher.
In der Veranstaltung am 28.7. sprach Jörg Drieselmann von der Gedenkstätte Normannenstraße über DDR-Haft und Freikauf. 21 Interessierte nahmen teil.
Die meisten Veranstaltungsteilnehmer hatte der Berliner Psychologe Hans Eberhard Zahn am 4.8., es kamen 132. Sein Thema war: „Psychische Folter bei der Stasi. Wie man auch ohne körperliche Qual Aussagen erpressen kann“.
Barbara Sengewald, die Vorsitzende der Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V. Erfurt sprach am 11.8. über die Besetzung der Erfurter Staatssicherheit am 4.12.1989 vor 88 Besuchern.
Am Tag des Berliner Mauerbaues, dem 13.8. präsentierte Manfred May, der Leiter des Kunstprojektes, den Ausstellungskatalog. 47 Gäste erschienen. Der Katalog konnte käuflich erworben werden, bis zum Ende der Ausstellung.
Das Thema am 18.8., gestaltet von Falco Werkentin, war „Die Ballade vom ermordeten Hund“. Es nahmen 25 Menschen an der Lesung teil.
Der zweitstärkste Veranstaltungsbesuch war am 25.8. zu verzeichnen, 100 Gäste nahmen teil. Thomas Auerbach von der BStU Berlin berichtete über die „Vorbereitung auf den Tag X, geplante Haft- und Isolierungslager der Stasi“.
Birger Jesch, ein Künstler aus Blankenhain, sprach über Mail art in der DDR. 17 Besucher kamen. 
54 Besucher interessierte das Thema von Ehrhart Neubert am 8.9., „Opposition und Widerstand in Thüringen“.
Am 11.9. war „Tag des offenen Denkmals“. Insgesamt kamen 703 Besucher. Die zwei Vorträge von Andrea Herz und Wolfgang Fiege über die Haft in Erfurt 1945 bis 1952 und über die Stasi-Haftanstalt Erfurt 1952 bis 1989 hatten insgesamt 64 Teilnehmer.
Zur Finissage am 15.mit den Referenten Manfred May, Barbara Sengewald und Dieter Seidel erschienen 60 Besucher.
Insgesamt nahmen an den Veranstaltungen 980 Besucher teil.

3.2. Historische Führungen

98 historische Führungen mit 5 bis 100 Personen wurden von den Mitarbeitern der LStU Thüringen gestaltet. Das waren die Landesbeauftragte Neubert selbst, Herr Seidel, Herr Heinemann, Frau Dr. Herz, Herr Dr. Wanitschke und Herr Morawski.

Um das Angebotsspektrum durch Hintergrundinformationen zu erweitern, wurden von Dr. Andrea Herz geführte Rundgänge konzipiert. Privatbesucher konnten die öffentlichen Führungen zu festen Zeiten nutzen, Gruppenbesucher wurden innerhalb und außerhalb der Öffnungszeiten mit Informationsgesprächen betreut.
Dr. Herz schulte alle TLStU-Mitarbeiter und die Projektmitarbeiter. Als Arbeitsgrundlage dienten bereits vorliegende Forschungsergebnisse über die politische Haft in Erfurt.
Die Führungen begannen im Außenbereich beim Geländeareal um den Zusammenhang aus Gefängnis, Gericht und MfS-Bezirksverwaltung zu erklären. Sie setzten sich in einzelnen Stationen auf dem Hof, im Zellenbau und in den Originalzellen fort und dauerten in der Regel eine Stunde. Gesprochen wurde zunächst über die Baugeschichte, die Entstehung einer MfS-Haftanstalt und das Instrumentarium des politischen Strafrechts im SED-Staat in verschiedenen Jahrzehnten. Anschließend gab es Informationen über den allgemeinen Verlauf eines Strafverfahrens mit Festnahme, Einzelhaft, Verhörserien, Strafvorwürfen, Beweismittel-Legalisierung. Im Hof wurde außerdem informiert über die verschiedenen Hafttrakte, Gefangenenzahlen, politische Haft in der benachbarten Polizei-Haftanstalt. Im Bereich der Originalzellen erfuhren Besucher etwas über Haftbedingungen, systematisches Unterlaufen von Menschenrechten und das Leiden der politischen Gefangenen.
Das Team der Ausstellungsbetreuer vor Ort identifizierte sich stark mit dem Anliegen und eignete sich ebenfalls die vorbereiteten Rundgangsinformationen an. Sie boten daraufhin in eigner Initiative vielen Einzelbesuchern und unangemeldeten Gruppen eine persönliche und informative Betreuung an, die weit über ihre eigentliche Arbeitsaufgabe hinausreichte.
Alle öffentlich angekündigten Rundgänge waren gut besucht und wurden von Einzelbesuchern auch gezielt (mehrfach auch durch Zweitbesuche) in Anspruch genommen. Ab Mitte August kam es wiederholt zu solchem Besucherandrang, der zusätzliche oder zwei gleichzeitige Rundgänge erforderlich machte. Allein am Tag des offenen Denkmals gab es mehrere hundert Rundgangsinteressenten und noch eine Stunde nach der Finissage war ein zusätzlicher letzter Rundgang gut besucht.
Schon seit den ersten Tagen zeigte sich, dass es im letzten Teil vieler Rundgänge zu außerordentlich intensiven Gesprächen kam, insbesondere wenn sich ehemals Betroffene zu Wort meldeten und Ergänzungen aus der Perspektive des Erlebens machten. Immer wieder äußerten Besucher durch ihre Fragen und Anmerkungen ihre emotionale Berührung, ein besseres Verständnis für das Schicksal der politisch Inhaftierten und ein weiterreichendes Informationsinteresse.
Mehrere Führungen wurden durch TLStU-Mitarbeiter und ehemalige Gefangenen gemeinsam durchgeführt, wobei letztere insbesondere im zweiten Teil des Rundganges intensive Gespräche führten.
Besonders in den ersten und letzten Wochen nahmen Schülergruppen aus ganz Thüringen die Rundgänge in Anspruch, wobei auf deren Zeitwünsche stets eingegangen wurde. Die Rundgangsgespräche wurden altersgerecht geführt und aus anfangs gemachten „Zellenwitzchen“ einzelner Schüler wurde angesichts der Ortspräsenz und der Rundgangsinformationen in der Regel betroffenes Schweigen. Viele Lehrer bedauerten, dass während der Schuljahreszeiten zu wenig Zeiträume zum Ausstellungsbesuch bestanden, was inzwischen auch durch weitergehende Angebote im Schuljahresverlauf geklärt ist.
Gruppenrundgänge wurden außer für Schulklassen auch für weitere Personengruppen und Veranstalter angeboten: Lehrlinge, Bundeswehroffiziere, Bildungswerke, Parteien-Ortsgruppen, Kirchengruppen, Lehrer, Stadtführer, Sozialinitiativen,  Konfirmanden u.ä.

 3.3. Information, Bücher, Flyer
Lebhaftes Interesse fand das ausgelegte Informationsmaterial, z.B. über die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Gedenkstätten und Museen.
Die Landeszentrale für Politische Bildung stellte unentgeltlich Material zur Verfügung. Besonders interessant waren die Blätter zur Thüringer Landeskunde, mit Thüringer Ereignissen, wie dem Pressefest in Erfurt 1978 oder die Haarschneideaktion 1969 in Rudolstadt.
Auch die Anträge auf Einsicht in die Stasiakten sowie Wiederholungsanträge mussten ständig nachgelegt werden,.
Die Bröschüren der LStU wurden zum Teil kostenlos abgegeben.
Insgesamt herrschte ein breites Spektrum, hier einige der Titel:
„Anwerben oder zersetzen“ von M. Wanitschke,
LStU und die Stiftung zur Aufarbeitung von SED-Unrecht , 8. Kongress 2004 in Jena
„Agonie und Auflösung des MfS“ von E. Stein
„Frühe konspirative Ideologiepolizei innerhalb der SED Thüringens“ von A. Herz,
„Der Demokratische Aufbruch 1989/90“
„Die Geschichte des Bürgerkomitees in Erfurt“ Zeitzeugen berichten
Gleichzeitig bestand die Möglichkeit ab 13.8. Ausstellungskataloge und ein Spiel zur DDR-Geschichte käuflich zu erwerben. Die Verkaufszahlen waren sehr gut.
Besonderes Interesse bekundeten die Besucher an einer Broschüre speziell über die Erfurter Haftanstalt, geschrieben von der Historikerin Frau Dr. Herz und Wolfgang Fiege. Leider stand nur noch ein Ansichtsexemplar zur Verfügung. Eine ergänzte Nachauflage soll für das nächste Jahr erstellt werden.
Die Mitarbeiter informierten über Rehabilitierungsmöglichkeiten und die Möglichkeit einer psychosozialen Beratung. Es wurde ein Informationsblatt der Beratungsinitiative und der LStU Thüringen ausgelegt. Auch dieses wurde wahrgenommen.

3.4. Die Besucher

Die Ausstellung war sehr erfolgreich, die Besucherzahlen überwältigend.
Insgesamt sahen 8242 Gäste die Kunstausstellung und den Zellentrakt der ehemaligen U-Haft der Staatssicherheit.
Wir hatten Besucher aus ganz Deutschland, darunter auch viele ehemalige Häftlinge und deren Angehörige. Wir freuen uns natürlich sehr, dass wir ebenfalls Besucher aus Europa, ja sogar von anderen Kontinenten hatten. Sie kamen aus Dänemark,                                                      
der Schweiz, den Niederlanden, Belgien, Großbritannien, Frankreich, Spanien,  Schweden, Portugal, den USA: New Mexico, Ohio, Illinois, Michigan;                                                                                                                                              ja sogar aus Kolumbien und Indien.
Insgesamt sprachen sich 601 Besucher im Gästebuch eindeutig für einen Erhalt des ehemaligen Gefängnisses als Gedenkstätte aus.

Im August war der Besucherandrang am stärksten, hier kamen 2786 Interessierte.
Unser jüngster Besucher war 6 Wochen, die älteste Besucherin 93 Jahre alt.

3.4.1. Prominente Besucher
Staatssekretärin Renate Meier war die erste hochrangige Politikerin, die die Kunstausstellung besuchte. Sie zeigte sich beeindruckt und versprach, darauf zu drängen, dass weitere wichtige Persönlichkeiten diese Arbeit wahrnehmen.
So folgte am 30. August Ministerpräsident Dieter Althaus. Später kamen Kultusminister Prof. Dr. Jens Goebel, Oberbürgermeister Manfred Ruge, Bauminister Andreas Trautvetter, Justizminister Harald Schliemann, Bischof Joachim Wanke, Bärbel Bohley, Kanzleramtsminister a.D. Friedhelm Ost, Altpropst Dr. Heino Falcke und Rechtsanwalt Lange aus Erfurt.

Nach seinem Besuch gab Ministerpräsident Althaus am 31.8.05 eine Pressemitteilung heraus:
„Ministerpräsident Althaus sprach sich dafür aus, wenigstens einen Teil der ehemaligen Stasi-Haftanstalt in Erfurt als Gedenkstätte zu erhalten. Althaus sagte der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Hildigund Neubert, heute zu, sich persönlich dafür einzusetzen. Die Haftanstalt in der Erfurter Andreasstraße sei ein anschaulicher Beweis für die Unmenschlichkeit des SED-Regimes. Es sei wichtig, dass diese Stätte des Stasi-Terrors nicht vollkommen abgerissen würde.
Mindestens 5000 Menschen haben in den Zellen dieser Haftanstalt gelitten, fast immer aus politischen Gründen. Kein Buch, kein Erlebnisbericht macht den Umgang der Stasi mit Regimegegnern so begreiflich wie diese Zellen, die ich nur Folterzellen nennen kann“, sagte Althaus. „Wenn wir jüngeren Generationen ersparen wollen, dass sich diese Geschichte jemals wiederholt, müssen wir solche Anschauungsbeispiele als Gedenkstätten bewahren.“

3.4.2. Die Erfurter

Die Erfurter Einwohner kamen zahlreich, dazu einige Eintragungen aus dem Besucherbuch:
4.8. Als Erfurterin macht mich dieser Bau betroffen, das hätte ich so nie vermutet …
2.8. Als Erfurter befürworten wir den Plan „Gedenkstätte und Jugendhotel“
2.8. Ich bin in Erfurt aufgewachsen und habe nie gewusst, dass solche Verbrechen an Menschen geschehen sind. Norman Grauel

3.4.3. Junge Besucher

In den Öffnungszeiten außerhalb der Schulferien kamen erfreulich viele Schulklassen. Nach Anmeldung bei der LStU konnten die Führungen an den Vormittagen stattfinden, so dass eine Einbindung in den Unterricht möglich war. Die Vorbildung der Schülerinnen und Schüler war sehr unterschiedlich, fast alle ließen sich aber von der Atmosphäre des Ortes berühren. Zahlreiche Besucherbuch-Einträge zeugen davon.
17.06. So etwas muss als Gedenkstätte für die nächste Generation erhalten bleiben.Schrecklich, unmenschlich und unvorstellbar.   Patricia  Lauber
11.7. unvorstellbarer Wahnsinn – Staatsgewalt – Regime . Gut dass man das hier so fühlen kann und gut, dass es heute anders ist.
14.8. Man sollte immer daran denken, wie gut man es heutzutage eigentlich hat. Und dass der Staat auf gewisse Art und Weise noch am Anfang steht. Jedoch sollte man nur aus der Vergangenheit lernen und nicht in ihr leben, sonst stirbt die Zukunft. R.JM Ebsom
12.8. Eine Lehrerin in meinem Bekanntenkreis war politische Gefangene in der DDR. Jetzt kann ich zum ersten Mal ein bisschen verstehen, wie schlimm das für sie gewesen sein muss. Paula K.
11.8. Jetzt kann ich mich mit meiner Geschichtslehrerin austauschen und ich denk mal, sie wird stolz sein. Hoffe ich.
23.08. Ich bin geschockt, wie Häftlinge leiden mussten.  S. Ludwig
22.06.  Der Besuch für die Schülerinnen und Schüler des Evangelischen Ratsgymnasium sehr, aufschlussreich, aber auch bedrückend. Alle Jugendlichen sollten auch diese DDR-Wirklichkeit sehen. Marco  E.
23.06. Ich bin geschockt wie die Häftlinge leiden mussten !    S. L.
24.06.  Es war unheimlich interessant und man konnte zum ersten Mal erkennen, dass die DDR doch ein Gefängnis war. Julia Niegel, Stephanie Krenzer, Karoline S.
28.06. Die Klasse 8 von der Förderschule für Hörgeschädigte hat die Gedenkstätte besucht und ist erschrocken über das was auch in der DDR geschah.
Wir danken Frau Herz für die interessante Führung und die Beantwortung unserer vielen Fragen.  Danke!   11 Personen
30.06. Eine emotionale berührende und gerade für Jugendliche interessante Darstellung der jüngeren Vergangenheit.   Kurs 11/1 des Buchenberggymnasiums
30.06. Herzlichen Dank für die sehr anschauliche Führung. Geschichte wird begreifbar. Wir hoffen, dass das Gebäude als Gedenkstätte erhalten werden kann. Klasse 11 des Staatl. Spezialgymnasiums für Musik Belvedere, Weimar
03.07. Gedenkstätte mit Nutzungsmöglichkeit für Jugendliche wäre wichtig – Sehr gute Ausstellung ! O. B.
04.07. Die Ausstellung und die Führung war sehr interessant. Ich würde es weiter empfehlen sich das mal anzuschauen. M.frdl.Gr.
04.07. So ist uns klar geworden wie die früheren Zustände waren. Die Ausstellung war interessant aber auch erschütternd. Vielen Dank für diesen Einblick !
05.07. Die eingangs salopp hingeworfene Frage: „Kommen wir hier auch wieder raus?“, an die Betreuer der Ausstellung gerichtet, macht uns – eben noch darüber herzlich gelacht – nun doch nachdenklich.  Erfurter Brücke –Jugendhaus-
11.07. Wir, die Klasse 10c, waren am 11.07.05 hier. Wir waren sehr berührt und fassungslos über diese Grausamkeit der Vergangenheit.
Wir hoffen, dass dieses Gebäude als Gedenkstätte erhalten bleibt.  Buchenberggymnasium
12.07. Universität Erfurt   16 Personen
21.07.  Dieses Gebäude sollte für uns, die junge Generation, erhalten bleiben, damit auch wir erfahren, was hier „abging“.  Dank auch an Herrn Wanitschke Maria   (15 Jahre)
24.07. Dieses Gebäude zu betreten, ist sehr bewegend.. Es muss als Erinnerung bleiben.  Stephanie
07.08.  Beklemmend     - froh, mein Studium einfach so fortführen zu können- Freiheit den Gedanken. IMMER! Stephan  G. 21 Jahre Student
11.08. Es war sehr interessant zu erfahren, wie es hier früher „abging“. Jetzt kann ich mich mit meiner Geschichtslehrerin austauschen und ich denk mir mal, sie wird stolz sein. Hoffe ich- Allen anderen Besuchern wünsche ich viel Spaß ! Vielen Dank E. Jahn
25.08. Der Besuch in diesem Gefängnis war sehr toll, denn hier habe ich erfahren wie schrecklich das damals gewesen sein musste.  Annekatrin Leis  10 Jahre
02.09.  Es ist schön, was über die Geschichte von Erfurt und den Umständen des Lebens der Gefangenen erfahren zu haben. Wir wissen ja eigentlich nichts von dieser Zeit.  Chatarina
02.09. Ich finde es gut, dass wir uns mit unserer Geschichte auseinandersetzen können und nicht versuchen, sie zu vertuschen.   Maria
15.09.  Dieses Denkmal unserer Geschichte zu erlöschen, wäre das schlimmste für Erfurt     Diane K. und Madleen

Es kamen nicht nur Schulklassen. Viele junge Menschen besuchten das Gefängnis aus eigenem Interesse und brachten später Freunde oder Verwandte mit. Nach der Besichtigung sagten zwei Pädagogikstudenten: “Das muss erhalten werden. Wir werden uns später im Unterricht mit diesem Thema auseinandersetzen, nicht dem ausweichen, wie es unsere Lehrer getan haben.“

3.4. Betreuung der Ausstellung

Wie bereits erwähnt, hatte mit so einem Besucheransturm niemand gerechnet. Die Mitarbeiter der TLStU führten immer dienstags um 17 Uhr, donnerstags 18.30 Uhr und freitags um 14 Uhr historische Rundgänge durch.
Aber die Besucher, die zu anderen Zeiten kamen, wollten Erläuterungen und stellten Fragen. Ute Strobel, Patrick Popelka und Marina Böttcher von den Mitarbeitern hatten sich bereit erklärt, kleinere Besuchergruppen zu führen. Entsprechendes Material wurde ihnen zur Verfügung gestellt. Durch das hohe Besucheraufkommen beteiligten sich dann auch Irmgard Schinkel und Karola Niedling an den Führungen. Karin Köhler und Matthias Branig waren für die Besucherstatistik und Kurzinformationen zuständig.
Die Mitarbeiter waren durch Seminare und Schulungen vorbereitet worden, aber mit den teilweise sehr starken emotionalen Erlebnissen mussten sie erst umgehen lernen.
Matthias Morawski, Leiter der Beratungsinitiative bei der Landesbeauftragten, kam dann auf Bitten der Mitarbeiter in die Andreasstrasse und stand für deren Fragen und Probleme zur Verfügung. Das war sehr hilfreich. Manfred May, der Leiter des Kunstprojektes, war häufig vor Ort. Da auch er bei der Beratungsinitiative tätig ist, konnte er ebenfalls helfen und zur Klärung von Problemen beitragen.
Die Ausstellungsbetreuer erlebten aber auch sehr schöne und bewegende Momente, wenn jemand neuen Mut schöpfen konnte und dann in das Besucherbuch schrieb:
12.7. Ob sie uns lieben oder hassen, irgendwann müssen sie uns entlassen. Ich habe es geschafft.

Alle Mitarbeiter waren um eine gute Betreuung der Besucher bemüht. Oft musste improvisiert werden. Dieter Klipphahn ermöglichte u.a. die Beleuchtung des Vorraumes, in dem die Erläuterungstafeln hingen. Wenn trübes Wetter herrschte, waren sie für die älteren Besucher schwer lesbar.
Wenn es einem Zeitzeugen oder Besucher schlecht ging, kümmerte man sich um ihn. Babys und Kinderwagen wurden beaufsichtigt. Der Tisch im Mitarbeiter-Aufenthaltsraum wurde als Wickeltisch zur Verfügung gestellt. Auch um die vierbeinigen Besucher war man bemüht, an heißen Tagen bekamen sie etwas zu trinken.
Wurde das Informationsmaterial knapp, informierte man sofort und bat um Nachlieferung. Ute Strobel und Marina Böttcher kümmerten sich in ihrer Freizeit um Material von der Landeszentrale für Politische Bildung. Sie verteilten Flyer und warben im Freundes- und Bekanntenkreis um Interesse.
Dorothea Kunz versorgte die Erfurt-Information und andere Institutionen per Fahrrad mit Ausstellungsmaterial und hielt die Verbindung zum Landtag aufrecht.
Über den Broschürenverkauf wurde ein Kassenbuch geführt und regelmäßig eine Zwischenabrechnung erstellt.

4. Zeitzeugen und deren Angehörige und Freunde
Zahlreiche Betroffene besuchten die Ausstellung oder nahmen an Führungen teil und berichteten dann spontan von ihren Erlebnissen, beantworteten Fragen – obwohl sie emotional sehr berührt waren. Durch sie wurden die Führungen sehr lebendig. Das vergangene Leiden bekam ein Gesicht.
Die Zeitzeugen waren eine wertvolle Hilfe. Auf diese Weise konnten Besucher die Situation der Gefangenen viel besser nachvollziehen.

4.1. Eintragungen von Betroffenen im Besucherbuch
28.6. Bin wiedergekommen, denn dieses Gefängnis ist schockierend und aufrüttelnd zugleich. Wann lernen wir, dass keine Diktatur für die Menschen nichts Gutes sondern immer nur Schlechtes will. Danke, dass dieses Gefängnis zur Zeit besichtigt werden kann, aber warum nur jetzt? Thüringen braucht eine Gedenkstätte für die Opfer und wir warten darauf! K.-H. I. und Frau
30.6. Nach über 40 Jahren wieder in einer Zelle zu sein wühlt auf. Klaus K.
11.7. Der Besuch dieses als eines Zeitzeugen, eine grausame Erinnerung an die DDR-Vergangenheit, hat mich tief erschüttert. Es ist gut, dass viele junge Leute diese Möglichkeit einer Besichtigung wahrnehmen können. Renate M.
17.7. Als ehemaliger Insasse des Gefängnisses kann nur eine Art Museum zur Geschichte des MfS entstehen und ihre Grausamkeiten gegenüber den Bürgern der DDR. Leider wurde nach Schließung 2001 schon sehr viel zerstört.
21.7. Heute habe ich den 18. Jahrestag, als ich aus der Stasi-Haft entlassen wurde. Die schlimmste Zeit meines Lebens.
Möge dieser Ort erhalten bleiben, um zukünftigen Besuchern zu zeigen, was auch auf einer anderen, dunklen, unbekannten Seite ablief.   Ralf F. Berlin
26.7. … Vor über 20 Jahren schlug hinter mir das schwere Tor zu. Erinnern tut auch weh… S. D.
3.8. Ich, Hubert M., sollte hier 1980 während der so genannten Polenkrise inhaftiert werden. Diente bei der NVA auf der Erfurter Henne. Der Kommandeur :“Das Auto ist gleich da, da geht`s zur Stasi am Domplatz.“ Ich bin für den Erhalt solcher Ausstellungen als Mahnmal.
„Mit so was diskutieren wir nicht – mit so was machen wir was“, wurde mir vom Stasi-Offizier VO gesagt.      Hochachtungsvoll   H. M.
4.8. Zeit heilt alle Wunden, doch wie sollen wir sie heilen und sich Betroffene und Familien von Betroffenen damit auseinandersetzen, wenn dies alles einem Parkplatz weichen soll. Ich hoffe, es gibt eine Möglichkeit diesen Bau als Gedenkstätte erhalten zu können. D. H.
6.8. Von Juni 1986 bis März 1987 habe ich hier die schlimmste Zeit meines Lebens verbracht, schutz- und wehrlos ausgeliefert einem menschenverachtenden und verbrecherischen Regime.
Begangenes „Verbrechen“ – versuchte Republikflucht im schweren Fall, verfolgt und verurteilt, weil ich die damaligen Verhältnisse in der DDR nicht mehr länger ertragen konnte.
Das sollten insbesondere die nicht vergessen, die heute wieder PDS wählen oder ihre neue Tarnpartei, wählen.
Warum nur haben Menschen ein so kurzes Gedächtnis? RA L., Erfurt
10.8. Rudolf K. Weimar: Nicht wegen Menschen wie mir – ich wurde erst kürzlich rehabilitiert – muss dieser Ort geschützt und erhalten werden, sondern wegen meiner Kinder und Enkelkinder. Sie erklären uns später für irre, wenn sie auf einem Parkplatz stehen und vielleicht eine Tafel einen Hinweis auf Geschehenes gibt. Wir brauchen Authentizität.
11.8. Ein Jahr des Lebens! Günter N.,  Erfurt             Nicht abreißen!
11.8. Sehr beeindruckende Ausstellung, ich bin sehr froh, dass sich Bürger um die Aufarbeitung der DDR-Geschichte bemühen, denn es ist auch die meine. Katrin F.
13.8. Mit großer Betroffenheit sehe ich nach 15 Jahren diese Zelle wieder… W., Jörg   von Januar bis März 1981 in der U-Haft
 Ich sah mein Leben, als ich erst 19 Jahre war.  T.B.
13.8. Mit großer Betroffenheit sehe ich nach 15 Jahren diese Zellen wieder…
Saß hier von Mai 78 – September 78 bei der Staatssicherheit. Wurde dann verurteilt. W.B.
17.8. Zellen der Stasi in Erfurt der Öffentlichkeit erhalten – Wider dem Vergessen! H. Romeick
18.8. Nach vielen Jahren wagte ich mich in dieses Gebäude, wo ich 1957 über 6 Monate zubrachte. Sonntags die „Gloriosa“ – tagsüber das Gebimmel der Straßenbahn – und alles unerreichbar für Monate. Die Bedingungen sehr bescheiden – (Holzpritsche, Kübel) – Mein Wunsch: ein Teil des Gebäudes sollte zur Erinnerung bleiben!    K. G.
20.8. Dieser Teil unserer traurigen Geschichte darf nicht vergessen werden. Wir saßen 1976 hier. Mit dem Abriss findet das Vergessen statt.  H.
20.8. Meine „Wohnung“ von März bis November 1970 und im August 1972.   
20.8. …es darf nicht sein, dass allein der Opfer der Nazi-Diktatur gedacht wird, es muss auch an die Opfer des SED-Regimes ständig erinnert werden. Ich hätte gerne meine Zelle im Frauentrakt gesehen. Warum ist dort eine Besichtigung nicht möglich?   C.W.A.
21.8. Niemals darf vergessen werden, was hier geschah. Zu schnell verblassen Erinnerungen. Das Böse wird geschönt. Verbrechen bleibt Verbrechen! Barbara und Lutz S.                inhaftiert v. 7.9.77 – 27.9.79
23.8. Nach 25 Jahren wieder hier zu sein, aber diesmal als „normaler“ Mensch. Ein schönes Gefühl frei zu sein.  S.H.
….gut, dass es so was noch gibt um zu SEHEN was war   L. P.   ehemaliger Häftling…
27.8.  Ich war hier in Stasi-Haft von April 1967 – Oktober 1967.               W. B.
 29.8. Welch ein Gebäude, welche Zeit, eine Erinnerung  an meinen politischen Einschluss aus politischen Gründen 1967 bei der Staatssicherheit in U-Haft. Bitte uns nicht vergessen!                              Lutz G.
30.8. Ich wollte es nie mehr betreten, es hat geholfen zu verarbeiten.       C.M.
Nach 15 Jahren Freiheit für die DDR-Bürger und 27 Jahren Freiheit für mich persönlich in Wiesbaden, bin ich erfreut und erstaunt wie schön Erfurt geworden ist. R. K., ehem. Häftling
3.9. Die Zeit heilt die Wunden – stimmt, aber die Narben bleiben, und an einem solchen Tag tun sie auch weh. Erhaltet die Ausstellung, damit „das hier“ sich nicht wiederholen kann. Silke W., hier inhaftiert 1988
4.9. Wir waren heute mit unseren Kindern hier, um ihnen zu zeigen, unter welchem Schatten ihre Eltern lebten. Wer dieses Gebäude nicht erhält, will unsere Geschichte verleugnen. Fam. L.r, Erfurt
11.9. Buchenwald wurde auch nicht abgerissen. Aus dem gleichen Grund darf dieses Gebäude auch nicht abgerissen werden.       Lutz S., ehem. Häftling
12.9 Nach 37 Jahren wieder mal hier gewesen. Genau so schrecklich wie damals.  M.L..
13.9. Nach 43 Jahren diese Räume zu betreten ist schlimm und hilft hoffentlich zu verarbeiten.   Vera B.  (12.12.61 – 20.3.62)
14.9. Als ehemaliger Insasse dieses Hauses hoffe und wünsche ich, dass hier ein bleibendes Denkmal erhalten wird, zur Erinnerung und als Mahnung.  D.B.
14.9. Wir, die Mitglieder der Bezirksgruppe Arnstadt/ Gotha der VOS, haben die Ausstellung im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis Andreasstraße besucht und sind von deren künstlerischen Gestaltung tief beeindruckt. Mancher von uns, der seine Untersuchungshaft in diesen oder ähnlichen Verliesen zubringen musste, wurde schmerzlich an diese Zeit körperlicher und seelischer Bedrängnis erinnert. Wir begrüßen den Beschluss, den Gefängnisbau vor dem Abriss zu bewahren, und dort dauerhaft eine Gedenkstätte einzurichten.      Klaus Schmidt
Nach einer Führung, in der ein Zeitzeuge berichtet hatte, schrieb eine Familie sehr nachdenklich in das Besucherbuch:
20.7. … Vielleicht hatten wir nur Glück, dass wir selbst keine Opfer waren. Den Opfern jedoch sind wir alle schuldig, diesen Ort … zu erhalten

Oft kamen die Betroffenen mit ihren Familien und Freunden wieder. Sie konnten nun nahe stehenden Menschen den Ort ihres Leidens zeigen. Viele nahmen dafür weite Anreisen in Kauf. Aber das war nicht allen möglich.
Dazu schrieben Besucher:
Ich weiß, daß mein Vater hier dreimal für insgesamt 14 Monate einsaß…und daß das schlimme Wunden hinterlassen hat! Und da er momentan nicht hierherkommen kann wünsche ich mir, daß er auch noch in einem Jahr die Chance hat seine Wunden zu heilen.
Unbedingt erhalten!            R.A.

4.2. Eintragungen von Angehörigen und Freunden der Betroffenen im Besucherbuch

21.6. Der Besuch in diesem Gebäude hat mich sehr erschüttert, zumal ein Familienmitglied in den 50er Jahren aus politischen Gründen hier inhaftiert war und gesessen hat. Es ist sehr wichtig, so einen Ort vielen Menschen zugänglich zu machen. Ein Dank den Initiatoren.
23.6. Als Enkelin eines ehemaligen Insassen, der danach für Jahre nach Bautzen ins „gelbe Elend“ gesperrt wurde, bin ich der Meinung, daß man das Gefängnis für die Nachwelt erhalten sollte. Es trifft die Seele, so etwas zu sehen. Mein Großvater hat nie ein Wort über seine Haftzeiten verloren.
12.7. Endlich konnte ich den Ort besichtigen, an dem unsere Tochter Silke im Herbst 1988 bis zu ihrer Verlegung nach Hohenleuben gelitten hat. R.D.
Ich bin erschüttert, fassungslos und traurig. Silke, ich liebe dich besonders für deinen Mut, deine Kraft und deine Stärke.    H. H.-S.
17.7. Unser Sohn Marko hat diese Hölle auch erlebt.  J.K.
24.7. Es waren sehr bewegende Momente, da mein Vater in den 50er Jahren zu Unrecht verurteilt wurde. B.
25.7. Ich hätte nie geglaubt, noch einmal in meinem Alter zu betreten, wo meine Tochter in den 70er Jahren hier einige Zeit verbrachte. Eine solche Anstalt muß unbedingt als Gedächtnisstätte der „realistischen“ DDR erhalten werden.
26.7. Unser Vater, inhaftiert ab 1961 in Erfurt, zu 15 Jahren verurteilt, vollzogen in Brandenburg und Berlin-Hohenschönhausen, 1965 freigekauft – ohne seine Familie – in der „Freiheit“ alleingelassen und verlassen. C. u. M. M.
31.8. Ich war heute mit meinem Sohn hier, der 1971 hier einsaß und bin sehr erschüttert gewesen. Irmgard J.
3.9. Ich denke an meinen Freund Torsten Simon aus Neinstädt/Harz, 5 Jahre wegen staatsgefährdender Propaganda 1961 – 1966 (Neffe von Günther Simon!)
12.9. Heute hatte ich Gelegenheit das Gefängnis zu sehen, in dem mein Vater vor genau 43 Jahren in U-Haft war. Es hinterließ einen erschreckenden Eindruck, wie hier Menschen, die ihre Meinung sagten, eingesperrt wurden. M. B.
4.9. Wir waren heute mit unseren Kindern hier, um ihnen zu zeigen, unter welchem Schatten ihre Eltern lebten. Wer dieses Gebäude nicht erhält, will unsere Geschichte verleugnen. Fam. L.r, Erfurt
11.9. Buchenwald wurde auch nicht abgerissen. Aus dem gleichen Grund darf dieses Gebäude auch nicht abgerissen werden.         Lutz S., ehem. Häftling
12.9 Nach 37 Jahren wieder mal hier gewesen. Genau so schrecklich wie damals.  M.L..
13.9. Nach 43 Jahren diese Räume zu betreten ist schlimm und hilft hoffentlich zu verarbeiten.   Vera B.  (12.12.61 – 20.3.62)
14.9. Als ehemaliger Insasse dieses Hauses hoffe und wünsche ich, dass hier ein bleibendes Denkmal erhalten wird, zur Erinnerung und als Mahnung.  D.B.
14.9. Wir, die Mitglieder der Bezirksgruppe Arnstadt/ Gotha der VOS, haben die Ausstellung im ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnis Andreasstraße besucht und sind von deren künstlerischen Gestaltung tief beeindruckt. Mancher von uns, der seine Untersuchungshaft in diesen oder ähnlichen Verliesen zubringen musste, wurde schmerzlich an diese Zeit körperlicher und seelischer Bedrängnis erinnert. Wir begrüßen den Beschluss, den Gefängnisbau vor dem Abriss zu bewahren, und dort dauerhaft eine Gedenkstätte einzurichten.      Klaus Schmidt

Die intensiven und fast durchweg sehr positiven Erfahrungen dieser Begegnung von Zeitzeugen mit Unbeteiligten wird als eine wichtige Erfahrung dieses Sommerprojektes eine große Rolle für die Fortführung der Gedenkstättenpläne spielen.

5. Sachbericht zur Kunstausstellung

Von Manfred May
Das Projekt hatte beabsichtigte, durch eine Zwischennutzung des leer stehenden und stark in Mitleidenschaft gezogenen Gebäudes den Forderungen Nachdruck zu verleihen, das ehemalige Stasi-Gefängnis nicht nur nicht abzureißen, sondern es als wesentlichen Ort des Gedenkens an die Repressionen durch die SED-Diktatur zukünftig als Gedenkstätte zu nutzen.

Mit den Mitteln und in den Idiomen zeitgenössischer bildender Kunst sollte der Sprache des Ortes eine zusätzliche und in Gegenwart und Zukunft weisende Wahrnehmungs- und Diskursebene hinzu gewonnen werden. Eingeladen waren insgesamt sechs bildende Künstlerinnen und Künstler aus Frankreich, Ungarn und Deutschland.

In mindestens zwei und maximal jeweils drei installativen Arbeiten nutzten die Teilnehmer den Zellentrakt, der ursprünglich von der Polizei genutzt wurde. Es bestand von Anfang an Konsens, die MfS-Zellen als objet trouvé, als originales Fundstück ohne jeden Versuch künstlerischer Überformung, Kommentierung und Interpretation Bestandteil der Ausstellung werden zu lassen.

Der eigentlichen Aufbauphase ging eine mehrmonatige Phase des Entwerfens und Projektierens voraus. Allen Teilnehmern waren Filmmaterial, Fotos und Raummaße zugänglich gemacht worden. Fast alle nutzten die Gelegenheit, das Gebäude weit vor Beginn der eigentlichen Arbeit anzusehen. Wie über die Einbeziehung der authentischen MfS-Zellen war es nie Gegenstand kontroverser Diskussion, dass sich jeglicher Werkstattcharakter verbot und dem Anspruch des Projekts mit minutiöser Vorbereitung zu begegnen sei.

Alle schilderten übereinstimmend, dass die Begegnung mit dem Gebäude und seiner – wie es der Ungar Ottó Vincze nannte – Strahlung eine besondere künstlerische Herausforderung darstellte, die weit über das Normalmaß der immer mit der Konzeption einer Ausstellung verbundenen Anstrengung hinausging.

Die eigentliche Aufbauphase – und damit auch die Phase der gemeinschaftlichen Arbeit und des erstmals möglichen direkten Kontaktes der einzelnen Projekte und Arbeiten begann Mitte Mai. Fast alle Beteiligten haben in dieser Zeit im Gebäude selbst gearbeitet und sich der Atmosphäre ausgesetzt. Sie haben diese Zeit als Anarbeiten gegen den „Geist des Gebäudes“ oder seine Abstrahlung empfunden und auch erlebt, wie mit zunehmender Arbeit innerhalb dieser Wochen der Druck und das Lastende wich. Durch das in der Regel gemeinsame Quartier war es möglich, auch die Zeit außerhalb der eigentlichen Arbeit dem Projekt und seiner Diskussion zu widmen. Es gehört zu den bemerkenswerten Dingen, dass trotz der hochkonzentrierten Arbeit und der von allen empfundenen höchsten Anspannungen die für künstlerische Projekte häufig beschriebenen störenden Momente wie Rivalitäten, Egoismen usw. keine Rolle spielten. Es blieb bis zum Ende eine gemeinsame Anstrengung, in der die Teile sich gegenseitig zu steigern in der Lage waren. Kaum eine Arbeit ist in den letzten Tagen vor der Ausstellungseröffnung nicht noch entscheidenden In-Frage-Stellungen unterworfen gewesen und hat wesentliche Änderungen erfahren.
Es entstanden insgesamt 15 Installationen, die von Künstler zu Künstler, mitunter auch von Arbeit zu Arbeit ein- und desselben Künstlers sehr unterschiedliche Herangehensweisen zeigen.

In den vielen Gesprächen während der Vorbereitungs- und Aufbauphase hatte ein Thema eine beherrschende Rolle gespielt: die zu erwartende Kluft zwischen vorgeschobenen, sozusagen noch ungesicherten Positionen zeitgenössischer Kunst und der Erwartung der Besucher, und hier insbesondere der Gruppe ehemals hier Inhaftierter – der wichtigsten Gruppe der Ausstellungs-Adressaten. Es konnte nicht davon ausgegangen werden, dass sie nicht auch durch Kunstproduktion und –Rezeption der DDR geprägt sein könnten. Der Konflikt war unauflösbar.
Wenn die Ausstellung in ihrer künstlerischen Leistung und in ihrem geistigen Ansatz der in diesem Gebäude manifesten Sprache der Diktatur widerstehen wollte, dann musste sie insbesondere jeder Zumutung einer Instrumentalisierung bzw. Benutzbarkeit von Kunst durch Verweigerung ihrer Autonomie und der Zuweisung einer illustrierenden Rolle widerstehen.
Gleichzeitig war auf alle Attitüden des Kunstbetriebes zu verzichten.

Deutlich mehr als 8000 Besucher waren ein völlig unerwartetes Ergebnis. Es ist nicht durch Neugier auf ein bisher verschlossenes und nicht zugängliches Gebäude erklärt, nicht durch die politische Dimension der Ausstellung und schon gar nicht durch die Tatsache, dass es sich auch um eine Präsentation zeitgenössischer Kunst handelte.
Ich habe häufig folgenden Ablauf beobachtet – und die gleiche Beobachtung wurde durch die Aufsichtskräfte, durch Begleiter während der Führungen und auch durch die beteiligten Kolleginnen und Kollegen gemacht.
Das Hauptinteresse galt zunächst den originalen Zellen des MfS. Unter dem Eindruck dieser Situationen, der damit verbunden Assoziationen, der visuellen und psychischen Anmutung wurden die künstlerischen Arbeiten im Erdgeschoss aufgesucht. Und als hätte die Begegnung mit den Zellen für die Sprache der Werke aufgeschlossen, begann sehr häufig ein sehr eingehendes Beschäftigen mit diesen Arbeiten, ein langes Verweilen in einzelnen Zellen.

So gelang der Spagat: Die Ausstellung in ihrer konsequenten Sprache wurde von den Opfern der Verfolgung angenommen; die Wahrnehmung der Werke wurde nicht durch das politische Anliegen verstellt. Die Tatsache, das MfS-Gefängnis geöffnet zu haben, wurde honoriert ebenso wie die Kunstausstellung als Geste auf die Opfer zu und für sie verstanden wurde. Gleichzeitig erfuhr die Ausstellung hohe Wertschätzung innerhalb der Kunstszene.

6. Bilanz und Zukunft

Am 4.11.2005 fand das erste Zeitzeugentreffen im Gemeindesaal der Andreaskirche Erfurt statt.  Insgesamt waren etwa 50 Zeitzeugen erschienen, sowie acht Mitarbeiter der TLStU und zwei Ausstellungsbetreuerinnen. Die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft zum Erhalt des Gebäudes als Gedenkstätte stand im Vordergrund.
Ein extra für diesen Anlass erstelltes Info-Blatt wurde verteilt. Es trägt die Nummer „1“, denn es soll regelmäßig erscheinen und die wichtigsten Neuigkeiten enthalten. In der ersten Ausgabe gibt es eine kurze Bilanz der dreimonatigen Ausstellung und die Landesbeauftragte äußert sich zum aktuellen Stand, sowie den Zukunftsaussichten und Möglichkeiten einer Gedenkstätte. Das Infoblatt liegt bei.
Es gab Kaffee und Kuchen, übrigens selbstgebacken von Frau Neubert und einigen ihrer Mitarbeiterinnen. Es entstand eine fast familiäre Atmosphäre. Zuerst fand eine kurze Begrüßung statt und die Landesbeauftragte äußerte sich noch einmal zur derzeitigen Situation.
Besonders betonte sie die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit den Zeitzeugen: „Nur mit Ihrer Hilfe können wir eine authentische Gedenkstätte schaffen.“
Danach sprach Andrea Herz, die Historikerin. Sie regte die Bildung von einzelnen Arbeits- und Gesprächsgruppen an, um gemeinsam historische Genauigkeit und Authentizität zu erarbeiten.
Marina Böttcher, eine der Betreuerinnen der Ausstellung, die selbst inhaftiert war. berichtete von dem Drang der Zeitzeugen, sich zu orientieren, den Angehörigen etwas von ihren damaligen Haftbedingungen zu vermitteln und selbst in Führungen das Wort zu ergreifen, um Erfahrungen weiterzugeben. „Besonders schön war es für mich, wenn sie nach mehrmaligen Besuchen dann doch an diesem Ort lächeln konnten“ sagte sie. Sie wies ebenfalls darauf hin, dass hauptsächlich die Zeitzeugen hier etwas bewegen können, z.B. um DDR-Geschichte jungen Menschen nahe zu bringen oder durch aktives Mitwirken einen würdevollen Ort des Gedenkens und der Aufarbeitung zu schaffen.
Daraufhin entstand eine lebhafte Diskussion. Die Zeitzeugen nannten Beispiele für gute Gestaltung von Gedenkstätten, regten gemeinsame Besuche von Gedenkstätten an, um sich über deren Arbeit zu informieren, sprachen die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit an, Finanzierungsprobleme wurden erörtert, die Integration der Gedenkstätte in ein Jugendhotel fand keinen Anklang, aber über die Bedeutung der Bildungsarbeit mit Jugendlichen waren sich alle einig.
Die Anwesenden sprachen sich einstimmig dafür aus, dass das gesamte Hafthaus genutzt werden soll. Ein „Haus der Aufarbeitung“ solle entstehen – diese Idee fand volle Anerkennung.
Barbara Sengewald, die Vorsitzende der Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V. wies auf die Verantwortung des Landes Thüringen hin.

Das Projekt Ausstellung Andreasstraße Erfurt, das durch die Förderung der Aufarbeitungsstiftung unter dem Titel EINSCHLUSS stattfinden konnte, hat damit sein wichtigstes Ziel erreicht: Das Gefängnis wird nicht abgerissen werden, sondern es wird in diesem Haus eine Gedenkstätte geben.
Die Planungen dafür haben im Thüringer Bauministerium mit der Suche nach einem Investor und dem Bemühen um ein Gesamtkonzept begonnen. Nach Auskunft der dort Zuständigen muss mit einer mindestens einjährigen Planungsphase gerechnet werden. Um die begonnene Arbeit nicht abreißen zu lassen, sind von den Trägern des EINSCHLUSS-Projektes neue Schritte unternommen worden. Für den Winter wurde die Genehmigung erwirkt, in Führungen tagsüber das Gefängnis besuchen zu können. Mit Tagungsgruppen, Lehrern und einzelnen Schulklassen sind bereits wieder Führungen vereinbart.
Für den nächsten Sommer ist ein neues Projekt aus Kunst und Gedenkstätte in Planung, für das auch bei der Stiftung Aufarbeitung wieder ein Antrag gestellt wurde.
In dieser sensiblen Phase kommt es darauf an, die politische Aufmerksamkeit zu erhalten und die Interessen einer zukünftigen Gedenkstättenarbeit in der Konzeptionsarbeit durchzusetzen. Da jeder potentielle Investor hier wirtschaftliche Interessen vertreten muss und wird, ist dazu ein Druck aus der Öffentlichkeit und von Seiten der Zeitzeugen notwendig.

Für das Jahr 2007 hoffen die Träger, dass dann Baumaßnahmen bereits begonnen haben, so dass neue Wege einer fortsetzenden Arbeit gesucht werden müssen.

Hildigund Neubert                                                                  Dieter Seidel
Landesbeauftragte                                                                  Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V.

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