Luis Alvarez, Venezuela, z.Zt. Weimar ...näheres ...
Wie hört man die Gefangenschaft?
Abends vor dem Schlaf wird im Gefängnis vielleicht am meisten gelauscht. Diese wichtige Zeit an den Grenzen zwischen Wachen und Schlaf bietet dem Angeklagten die Hoffnung, über die räumlichen Schranken der Zelle hinaus mit geschärften Ohren die intimsten Ereignisse und Bewegungen des eigenen Prozessverlaufs (und mögliche Zeichen seiner Aufklärung) zu erfahren.
Der Gefangene versucht – durch das nächtliche Hören nach klanglichen Schlüsseln suchend – die “Mechanik der Gefangenschaft” zu entziffern. Diese Suche führt selbstverständlich zu falschen Zielen: jedem akustischen Signal wird eine meist imaginäre Bedeutung zugewiesen und diese wird in ein abstruses, unantastbar zeitlich und räumlich angeordnetes Puzzle gestellt.
Noch mehr – das psychisch angespannte Nervensystem des Gefangenen wird nun jede Anregung mit einem akustischen Signal verwechseln, so dass es bald nur noch mit Erwartung, Phantasie und Täuschung handeln kann.
Christian Fischer ...näheres ...
Zelle X
Der Raum ist dunkel.
Keine Architektur, kein Licht,
keine Ablenkung von außen.
Das Fehlen optischer Reize lenkt die Aufmerksamkeit auf die akustische Ebene.
Eine leise Klangcollage ist zu hören.
Sie wiederholt sich.
Das leise Atmen eines Menschen.
Erst noch regelmäßig, verändert es sich langsam.
Es kommt aus dem Takt.
Etwas stimmt nicht!
Ist es die Ausweglosigkeit, die Einsamkeit, die Zweifel, die Isolation oder einfach die Ungerechtigkeit?
Sind es die andern oder bin ich es?
Ludger Hennig ... näheres ...
ohne titel
Im Winter 2002 habe ich in einem Gefängnis in Moskau ein Foto aufgenommen. Ein Häftling hatte mit Kreide eine stilisierte Tür an die Wand gezeichnet - einen möglichen “imaginären Raum dahinter” ...
Die Installation beschäftigt sich mit nächtlichen Klängen der Umgebung Erfurts und der Bausubstanz der Untersuchungshaftanstalt Andreasstraße 37.
Das Klangmaterial, das über die Zellenwände in den Raum wiedergegeben wird, thematisiert das Eingesperrtsein, indem auf imaginäre Räume außerhalb der Zelle verwiesen wird.
Die abgestrahlten Klänge vermitteln den Höreindruck räumlicher Weite, sie maskieren akustisch die erwartete auditive Raumgrößen-Dimension des Zellenraumes. Die Zellengrenzen weichen vor dem Betrachter-Zuhörer zurück und konterkarieren Wahrnehmungsaspekte von Hermetik und Enge.
Ludger Kisters und
Markus Schlaffke, Weimar ... näheres ...
Zieht, Gedanken auf goldenen Flügeln
... Verdis “Nabucco”, schon in ihrer Uraufführung als große Metapher der Freiheit gehört und gelesen, gibt der Installation das Thema vor und wird durch die räumliche Bildhaftigkeit konterkariert.
Der Zustand befreiten Fliegens wird dabei von der Enge der Gefängniszelle ebenso ad absurdum geführt wie durch die Assoziation mit Gefangenen-Transportflügen zu geheimen Foltergefängnissen. Der spezielle Bedeutungszusammenhang des Ortes wird durch diese Anordnung geöffnet und lässt etwas durchklingen von der utopischen Dimension eines universellen Traums von Freiheit ...
Als die Stasi-Gefängnisse 1989 gestürmt wurden, offenbarte sich, was bis dahin nur als dunkle unsichtbare Bedrohung durch staatlichen Terror bestand - die planvollen Methoden der Überwachung, Einschüchterung, Entmenschlichung bis hin zur physischen Bedrohung von Verdächtigen, Systemkritikern und Dissidenten. Logistik und Technologie der Unterwerfung des Menschen durch den Menschen haben Geschichte und erfahren in der Diskussion um die Legitimation von Folter in der so genannten freien Welt der westlichen Demokratien bezeichnende Aktualität: Abu Ghreib, Guantanamo, die Entführung von Verdächtigen in geheime Foltergefängnisse ...
Hanns Holger Rutz, Berlin ... näheres ...
Das wesentliche Moment der Haft scheint mir die Isolation zu sein, mit dem Ziel der Zermürbung und Gefügigmachung.
Durch die Ausschaltung eines vertrauten Gegenüber zieht sich das Denken auf einen inneren Monolog und auf die Phantasie zurück.
In der Klanginstallation in Zelle 148 werden realer Innenraum und imaginierter Außenraum gegenüber gestellt.
Das Hören des umgebenden Raumes durch Kopfhörer ist ein Verfremdungseffekt, der die Atmosphäre und Akustik der Zelle merkwürdig deutlich werden lässt. Der Raum antwortet auf das unsichtbare Vorbeischleifen eines Objektes, das sich bald auf laubübersäter Erde wiederfindet.

