(Fotos:D. Seidel)
Hildigund Neubert - Thüringer Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen - Eröffnungsrede
Sehr geehrter Herr Staatssekretär Spaeth,
Sehr geehrte Damen und Herren Landtagsabgeordnete und Stadtverordnete,
vor allem begrüße ich die ehemaligen Gefangenen dieses Hauses,
ohne deren Hilfe und Unterstützung das Projekt nicht möglich gewesen wäre.
Wir eröffnen heute die Ausstellung EINSCHLUSS II – Gefangenschaft hören.
EINSCHLUSS ZWEI klingt so, als wollten wir eine lange Reihe eröffnen. Jahr für Jahr Kunst, Gedenken und Information in der vorläufigen Gedenkstätte.
Als gelernte DDR-Bürger wissen wir: nichts ist so dauerhaft wie ein Provisorium.
Aber hier soll es nicht so sein.
Der Stadtrat der Stadt Erfurt hat beschlossen: Eine hier zukünftig entstehende Gedenkstätte soll von der Stadt als Teil des Stadtmuseums getragen werden. Damit hat die Stadt sich in eine Verantwortung gestellt, wie es in Thüringen leider noch nicht üblich ist.
Dies ist vor allem das Verdienst des scheidenden Oberbürgermeisters Manfred Ruge, dem ich dafür hier noch einmal danken möchte. Er hat nicht nur durch sein politisches Gewicht, sondern auch durch die ganz praktische Unterstützung in Fragen der baurechtlichen Genehmigung und der Nutzbarkeit des Hauses wesentlichen Anteil daran, dass wir heute nicht mehr über Abriss und Ende, sondern über Ausbau und Zukunft reden.
Der Beschluss wurde von der übergroßen Mehrheit der Mitglieder des Stadtrates mitgetragen. Besonders sind hier Herr Schwäblein, Frau Bechthum und Herr Thumfahrt und zu nennen, die zu später Stunde im Ratssaal die Stadtverordneten zu einem klaren Votum für dieses Haus und für die Erinnerungsarbeit mitrissen.
Die deutsche Geschichte ist reich an schwer zu verkraftenden Erfahrungen, aber immer gibt es auch den Widerstand, das Neue, das schon aufbricht, das Aufbegehren. Aber die widerspruchslose Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten an den Unrechtsregimen des zwanzigsten Jahrhunderts ist ein noch nicht bewältigtes Phänomen. Nur wenige Menschen haben gegen die Diktaturen Widerstand geleistet oder um ihre Freiheit gekämpft.
An einige von ihnen erinnern wir dieses Jahr in diesem Haus.
1944 verbrachte die 16jährige Vera Eberhardt hier 10 Tage in Einzelhaft, weil sie Flugblätter gegen den Krieg verbreitet hatte.
Zum 13. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1974 schrieb der 18jährige Jörg Drieselmann ein Plakat mit der Anzahl der Mauertoten.
Er wurde verhaftet und nach über einem Jahr
Untersuchungshaft in diesem Hause
zu vier Jahren und drei Monaten Haft wegen staatsfeindlicher Hetze und Terror verurteilt. Nach mehr als zwei Jahren erfolgte der Freikauf durch die Bundesrepublik Deutschland. Ulf Zimmermann besuchte 1984 die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in der DDR, um seinen Ausreiseantrag zu beschleunigen. Zwei Tage später wurde er inhaftiert.
Erfurter Richter verurteilten ihn für den Besuch dieser hochoffiziellen Einrichtung wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ (§219 StGB der DDR) zu 1 Jahr und 10 Monaten Freiheitsstrafe.
Nach mehr als sieben Monaten wurde er freigekauft.
Diese Menschen haben nichts anderes getan, als ihre verfassungsmäßig und in internationalen Verträgen gesicherten Rechte in Anspruch zu nehmen. Aber sie stellten damit den totalen Anspruch der SED auf die Herzen und Hirne ihrer Bürger in Frage. Deshalb wurden sie inhaftiert. Weil sie keine angepassten Staatsinsassen sein wollten, wurden sie zu Gefängnisinsassen gemacht.
Waren sie alle Verlierer? Manche von ihnen sind in der Haft zerbrochen. Alle haben soziale und gesellschaftliche Ausgrenzung erlitten, nicht alle konnten dann noch eine erfolgreiche Berufskarriere absolvieren. Sie haben viel riskiert und sie haben für uns alle viel gewonnen.
Jeder politische Gefangene war ein Beweis gegen den Allmachtswahn der Diktatoren. Jede Widerstandsaktion, jeder Widerspruch – und sei es die „Abstimmung mit den Füßen“- kostete die Diktatur ein Stück ihrer Legitimation, ihre inneren Stabilität. So wäre die erfolgreiche friedliche Revolution von 1989 ohne sie alle nicht denkbar. So haben wir guten Grund, Ihnen dankbar zu sein und das Andenken derer, die gestorben sind oder ermordet wurden, in Ehren zu halten.
Solche Menschen waren immer eine Minderheit. Im Nationalsozialismus wurde der religiöse und politische Widerstand von kleinen Gruppen getragen, wurde von der Mehrheit oft sogar als Bedrohung empfunden. Eine Million Menschen haben am 17. Juni 1953 gegen die kommunistische Regierung und die deutsche Teilung protestiert. Wo waren die anderen
16 Millionen? Den etwa 200.000 politischen Gefangenen standen 2 Millionen SED-Mitglieder gegenüber. Zuletzt zählte das MfS fast 100.000 Hauptamtliche und knapp 200.000 Spitzel, aber nur 2500 aktive Oppositionelle. Auch noch im Herbst 1989 waren die Demonstranten nicht die Mehrheit, auch wenn sie eine große Macht hatten.
Es steht also die Frage: Wie können zukünftig Freiheit und Demokratie gegen die Gleichgültigkeit von innen und ihre Zerstörung von außen geschützt werden? Das wird nur möglich sein, wenn sich die Menschen und vor allem die jungen Menschen, die die Zukunft gestalten, bewusst sind, wie gefährdet und wie wertvoll diese Güter sind. Hier stellt der Thüringen-Monitor einen klaren Zusammenhang her: „Im Zeitverlauf zeigt sich ein kontinuierlich starker und höchst signifikanter Zusammenhang zwischen einem positiven DDR-Bild und dem Wunsch nach einer Rückkehr zur sozialistischen Ordnung mit dem Rechtsextremismus.
Entgegen dem antifaschistischen Selbstverständnis des ‚Arbeiter- und Bauernstaats’ ist dieser Zusammenhang positiv.“(1)
Noch einmal übersetzt: Je schöner nachträglich die DDR geredet wird, je harmloser und gerechter sie erscheint, desto stärker ist die Neigung, autoritären, demokratiefeindlichen Strömungen heute anzuhängen.
Deshalb ist es gefährlich, wenn eine Expertenkommission meint, die Erzählung über die DDR sei geprägt von einer „übergewichtigen Konzentration auf Orte der Repression“ und man müsse sich mehr mit dem „Alltag und Widerstand der diktaturunterworfenen Bevölkerung“ und den Bindungskräften des SED-Regimes befassen.(2)
Ich halte aber dagegen, was ich schon im letzten Jahr zur Eröffnung sagte: „Gefängnisse repräsentieren den Zustand einer Gesellschaft wie in einem Brennglas. Die politischen Gefangenen haben in besonderer Schärfe gespürt, was der totale Machtanspruch der SED für den Einzelnen bedeutete.“ Deswegen sind sie auch besonders geeignet, die Selbstwahrnehmung der DDR-Bürger um diesen Hintergrund-Aspekt ihres Alltags zu ergänzen. Im letzten Jahr schrieb uns ein alter Mensch ins Besucherbuch: „Ich habe das nicht erlebt und wusste nicht (oder verdrängte?), dass es diesen Teil unserer Gesellschaft gab.“ Und eine andere: „Als Erfurterin macht mich dieser Bau betroffen, das hätte ich so nie vermutet …“
Beim Lesen solcher Sätze hatten wir das Gefühl Menschen zu bewegen, in ihrem Inneren
und so an den notwendigen Freiheitstraditionen für die Zukunft zu bauen.
Auch die Autoren des Thüringen Monitors kommen zu dem Schluss: "Die Demokratie hemmenden „Faktoren jedoch sind keine schicksalhaften Fügungen, sondern grundsätzlich beeinflussbar. Politische Bildung … erscheint hierbei als ebenso bedeutsam wie die Entwicklung einer demokratisch orientierten Erinnerungskultur."(3)
Es ist doch schon viel gewonnen, wenn dann ein junger Mann schreibt: „unvorstellbarer Wahnsinn – Staatsgewalt – Regime. Gut dass man das hier so fühlen kann und gut, dass es heute anders ist.“ So gehen wir mit Hoffnung in diesen Sommer, die Bewegung des letzten Jahres hin zu einer Gedenkstätte fortsetzen zu können.
Im letzten Jahr hatten wir mit der Bildenden Kunst in den Polizeizellen des Hauses vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, die Augen angeregt. In diesem Jahr haben wir uns vorgenommen, Gefangenschaft hörbar zu machen.
Unter der künstlerischen Leitung von Manfred May haben dazu die jungen Tonkünstler
Luis Alvarez, Christian Fischer, Ludger Hennig, Ludger Kisters, Markus Schlaffke und Hanns Holger Rutz Kunstwerke gestaltet, die Aspekte von Gefangensein – zu Unrecht gefangen sein – in Klänge und Installationen übersetzen.
Ich bin Otto Vince dankbar, dass er sein Werk „Tag für Tag“ vom vorigen Jahr uns weiter zur Verfügung stellt, obwohl sich die Mittel für den Ankauf noch nicht gefunden haben.
Ganz besonders danke ich auch Manfred May, der nicht nur die Leitung versah, sondern auch mit eigenen Arbeiten hier im Haus und einer begleitenden Ausstellung im Thüringer Landtag die künstlerische Verbindung zum Vorjahr hält und die enorme Doppelbelastung von beruflicher und künstlerischer Tätigkeit getragen hat.
Hörbar wird Gefangenschaft ganz nahe liegend und anschaulich im ersten Obergeschoss, wo Sie an Kopfhörern Interviews mit ehemaligen politischen Gefangenen hören können. Wenige Dokumente ergänzen das Hörbare, in einem Leseraum gibt es weiteres Material. Ich danken den Menschen, die uns mit viel Geduld und großer Offenheit ihre Lebensgeschichte erzählt haben und sich hier der Öffentlichkeit als Lernobjekte zur Verfügung stellen. Viele von ihnen sind heute da und sicher auch zum Gespräch bereit.
Zu danken ist dem Thüringer Kultusministerium, das das Projekt unterstützt, ebenso wie der Stiftung Aufarbeitung in Berlin. Ich danke auch allen Partnern, die sich an den Veranstaltungen beteiligen, der Landeszentrale für politische Bildung, der Konrad Adenauer-Stiftung, dem Lesezeichen e.V. Jena und der Buchhandlung Peterknecht.
Den Stadtwerken Erfurt, dem Hochbauamt der Stadt Erfurt - hier besonders Herrn Schröder, der die Elektroanlage erweitert hat -, und dem Gesundheitsamt danken wir für praktische Hilfen in diesem maroden Haus. Das Thüringer Verkehrsministerium hat den Dauerbetrieb der vorläufigen Gedenkstätte gesichert.
Dem Kinder- und Jugenddorf Beichlingen, dem Heimatverein Gräfentonna, der deutschen Lufthansa und der Gedenkstätte Roter Ochse in Halle haben wir für Leihgaben und Sachspenden für die Ausstellung zu danken.
Danke auch an meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Premierendruck zum heutigen Tage war erheblich. Sie haben alle durch kritisches und waches Mitdenken und Mittun Ihren Anteil, ob nun durch Interviews, Organisation, Internetseite, Informationsmaterial oder Versand. Ich weiß, dass dies alles normalen Büroalltag sprengt.
Der Erfolg dieser Ausstellung, den ich sicher erwarte, hat also viele Väter und Mütter, und das ist gut so.
Undenkbar wäre er aber ohne den dieses Jahr neu hinzugekommenen Projektpartner Radio F.R.E.I..
Herr Rose hat die Ausstellung nicht nur im Radio beworben und vielfältig besprochen. Er war auch sofort bereit, die administrative Leitung des Ganzen seinem Verein Freies Radio Erfurt e.V. aufzuladen.
Diese Last hat dann Frau Hönemann getragen. Schon bevor sie richtig da war im Radio, hat sie die Anträge mit formuliert. Sie hat unser Hin- und Herplanen und die Kapriolen des Förderrechts gemeistert und uns mit der richtigen Mischung aus Autorität und laissez faire gelenkt.
Dafür vielen Dank. Erfahrungsgemäß haben Sie das Schlimmste damit hinter sich, jedenfalls bis zur Endabrechnung.
Hildigund Neubert
Fußnoten:
(1) Edinger/Hallermann/Schmitt, Politische Kultur im Freistaat Thüringen, Ergebnisse des Thüringen-Monitors 2005, S. 72 f.
(2) Empfehlungen der Expertenkommission zur Schaffung eines Geschichtsverbundes „Aufarbeitung der SED-Diktatur“, Berlin Mai 2006, S. 9f. „Zugleich soll mit den vorliegenden Empfehlungen der deutlich übergewichtigen Konzentration auf Orte der Repression und der Teilung entgegenwirkt werden, mit der die naturwüchsig entstandene Gedenklandschaft gegenwärtig bis zu einem gewissen Grad noch der Herrschaftslogik des SED-Regimes und seiner Hinterlassenschaft selbst folgt. Während die Abschottungs- und Unterdrückungsmaßnahmen des SED-Staates sich in zahlreichen baulichen und symbolischen Relikten niederschlagen, bleiben in der gegenwärtigen Gedenklandschaft, insbesondere Alltag und Widerstand einer diktaturunterworfenen Bevölkerung weitgehend ausgeblendet und damit auch die spannungshafte Wechselbeziehung von Herrschaft und Gesellschaft zwischen Akzeptanz und Auflehnung, Begeisterung und Verachtung, mißmutiger Loyalität und Nischenglück. Die historisch-politische Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit droht damit einen Mangel zu wiederholen, der auch der NS-bezogenen Aufarbeitung immer wieder vorgehalten worden ist: daß sie die alltägliche Funktionsweise des Systems und die tägliche Aushandlung individueller Entscheidungsspielräume nicht ausreichend sichtbar zu machen und dem Stellenwert des Verhaltens und der Verantwortung des einzelnen für die Macht der Diktatur nicht hinreichend gerecht zu werden vermag.“

Carsten Rose, Freies Radio Erfurt e.V. - Eröffnungsrede

Dr. Rainer Späth - Staatssekretär im Thüringer Finanzministerium - Grußwort der Landesregierung
Sehr geehrte Frau Neubert, meine Damen und Herren, verehrte Gäste,
ich darf Sie alle, im Namen der Thüringer Landesregierung, zur heutigen Ausstellungseröffnung von „Einschluss II“ hier in der Erfurter Andreasstraße begrüßen. Es ist schön zu erleben, dass ein ebenso ambitioniertes wie erfolgreiches Projekt wie die Ausstellung „Einschluss“ einen angemessenen künstlerischen Anschluss findet.
„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“, wie Paul Klee einmal sagte. Und ich bin der Meinung: Das Konzept von „Einschluss“ zeigt eindrucksvoll, wie Recht der schweizerisch-deutsche Maler und Grafiker damit hatte. Denn im vergangenen Jahr war es der visuelle Eindruck der künstlerischen Installationen, der den Eindruck von Gefangenschaft für den Besucher in den ansonsten unberührten und ursprünglichen Zellen sichtbar machte. Und der Erfolg spricht für sich: Mehr als 8.000 Menschen haben das Angebot angenommen, sich über die Kunst mit diesem dunklen Kapitel unserer Geschichte konfrontieren zu lassen.
Und angesichts dieses Erfolges war es konsequent, nicht nur eine Neuauflage aus der Taufe zu heben, sondern bei der Fortsetzung zugleich eine andere Form des Erlebens in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn also die Ausstellung „Einschluss“ im vergangenen Jahr, im Sinne Paul Klees, die Geschichte dieser Haftanstalt sichtbar gemacht hat, so wird sie in diesem Jahr hörbar gemacht.
Sparsame visuelle Gestaltung kontrastiert dabei mit Höreindrücken, wodurch dem Besucher eine neue Konzentration auf das Abgeschlossensein von Gefangenen zugänglich gemacht wird. Hierzu sind die Zellen und der Flur einer Etage mit Toninstallationen versehen worden, zusammen gestellt und arrangiert von Komponisten und Studierenden der Musikhochschule Franz Liszt. In einer weiteren Etage werden wir auf Aussagen von Zeitzeugen stoßen. Und ich denke, gerade die Tatsache, dass sich viele ehemalige Häftlinge bereit erklärt haben, mit Ihrer Geschichte diese Ausstellung mit zu gestalten, ist der beste Beleg für die Sensibilität der Organisatoren und Träger sowie für die Überzeugungskraft des künstlerischen Konzeptes. Ihnen ist es gelungen, die Opfer zu überzeugen, Einblick in ihr Inneres zuzulassen, um uns die Erfahrung von Gefangenschaft näher zu bringen. Dafür mein Kompliment, vor allem aber meinen Dank. Nicht unerwähnt lassen möchte ich schließlich die zahlreichen Begleitveranstaltungen. Konzerten, Vorträge und Lesungen werden auch in diesem Jahr dazu beitragen, sich Gewinn bringend mit der geschichtlichen und der aktuellen Verarbeitung von Gefangenschaft zu befassen.
Meine Damen und Herren, aber natürlich dürfen wir ein solches künstlerisches Projekt auch in diesem Jahr nicht isoliert betrachten. Vielleicht ist die gesellschaftliche Umgebung sogar spannungsgeladener denn je. Denn Sie alle wissen um die wieder aufflammenden Debatten über DDR – Geschichte und die Rolle der Staatssicherheit in den letzten Wochen und Monaten.
Manche sprechen in diesem Zusammenhang ja etwas spöttisch vom so genannten „letzten Gefecht alter Männer, die es nicht ertragen können, dass die Geschichte über sie hinweggeht.“ Ich denke aber, ganz so einfach sollten wir es uns bei der Bewertung nicht machen. Es gibt nach wie vor ein gesellschaftliches Milieu, in dem die ehemalige Führungsriege des MfS große Resonanz findet. Lassen Sie uns das nicht unterschätzen: „Um die Frage, als was die DDR in die Geschichte eingehen wird, wird noch gestritten, sie ist noch nicht entschieden“ (beide Zitate aus einem Interview mit Marianne Birthler im Tagesspiegel).
Denn es gibt sie - die Menschen, die mit dem Verweis auf ein angeblich sorgloses Alltagsleben „zu DDR – Zeiten“ die Tatsache vernebeln wollen, dass die DDR eben keine demokratische Republik, sonder eine autoritäre Diktatur war. Wenn man jedoch den fundamentalen Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur beim Namen nennen will, dann genügt es eben nicht, nur die Staatssicherheit zu beleuchten. Im Zentrum jeder Diktatur steht der Sieg des Unterworfenseins über die Freiheit, steht der Sieg der Macht über das Recht. Und genau das ist es, was man in allen Lebensbereichen der DDR zu spüren bekam. Von der Gleichschaltung der Medien bis hin zur Klassenideologie, die kein Hinterfragen, erst recht keine Kritik dulden konnte, vielleicht aus Angst über die Zerbrechlichkeit der eigenen tönernen Füße.
Aber der Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur zeigt sich natürlich besonders in Gefängnissen, in Haft, und wie in einem Brennglas in politischer Haft, deren irrationaler Sinn und Zweck ja gerade in der Unschuld der Inhaftierten begraben liegt. Jeder politische Gefangene ist zu aller erst Opfer. Opfer einer staatlichen Willkür, die nicht selten seine Wünsche und Pläne zerstört. Gerechtigkeit für diese Opfer muss daher die oberste Richtschnur des demokratischen Rechtsstaates bei der Aufarbeitung von Diktatur sein. Die Opfer haben ein Recht auf Aufklärung, die Opfer müssen rehabilitiert werden, die Opfer verdienen ein Stück Wiedergutmachung. Und die Täter verdienen es nicht, sich hinter einem symbolischen Schlussstrich verstecken zu können.
Die Thüringer Landesregierung hält es daher für notwendig, neben den bisherigen Initiativen für die Opfer weitere Schritte zu ihren Gunsten zu unternehmen. So wollen wir mit einer Bundesratsinitiative erreichen, dass die Frist für die Herausgabe von Stasi – Unterlagen zur Überprüfung von Personen auf eine hauptamtliche oder inoffizielle Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst über den 31. Dezember dieses Jahres hinaus verlängert wird. Sozialminister Dr. Zeh wird morgen einen entsprechenden Gesetzentwurf in die Länderkammer einbringen. Zudem wollen wir erreichen, dass die bis Ende 2007 geltende Frist für Anträge von SED – Opfern auf Rehabilitierung gekippt wird. Und schließlich wollen wir auch für diesen Gebäudekomplex eine Lösung finden, die der Gedenkstätte auch in Zukunft einen prägenden Platz einräumt.
Meine Damen und Herren, man sagt ja oft von Räumen oder von Gebäuden: Wenn diese Mauern sprechen könnten... „Einschluss II“ beantwortet diese Fragen. Dieses Projekt bringt die Mauern zum Sprechen. Und zugleich erkennen wir: Es sind gar nicht die Mauern die sprechen. Es sind Menschen. Es sind die Menschen, die hier gelitten haben. Ihre Erzählungen machen für uns das Unrecht zwar nicht sichtbar, aber doch hörbar, vor allem aber erfahrbar.
Wir haben das Privileg, aus dem Erleben der Gefangenen, zwar bedrückt, aber doch angstfrei, lernen zu können. Und ich bin ganz sicher, dass erneut zahlreiche Besucherinnen und Besucher dieses Angebot nutzen werden.
Ich danken Ihnen.

Harriet Oelers - "via nova - zeitgenössische Musik in Thüringen e.V." (Förderverein des Deutschen Komponistenverbandes Landesverband Thüringen) - Die Klanginstallationen
Auch ich möchte Sie ganz herzlich begrüßen und freue mich, Ihnen die Klanginstallationen kurz vorstellen zu können.
Die sechs Komponisten (Ludger Kisters, Luis Alvarez, Markus Schlaffke, Hanns Holger Rutz, Christian Fischer und Ludger Henning), die alle bei Prof. Robin Minard in Weimar studiert haben oder noch studieren, nähern sich in ihren Werken auf ganz verschiedene Weise diesem Ort und seiner Geschichte, für den sie die Klanginstallationen konzipiert haben.
Wie gehen die Komponisten mit dem Raum um? Wie kann man überhaupt Gefangenschaft hörbar machen? Ein Hauptmerk der Installationen liegt im Umkreisen einer Freiheitsthematik. Klanglich kann diese Freiheit von außen hereinkommen, wie die Glocken des Doms, die Ludger Henning in seine Klanginstallation aufgenommen hat. Sie kann symbolisch wie der Gefangenenchor aus Nabucco in der Installation von Ludger Kisters und Markus Schlaffke auftauchen oder als ganz private Vorstellung von Freiheit, wie der imaginierte Klangraum, den Hanns Holger Rutz über Kopfhörer hören lässt. Jedoch wird in allen Fällen diese Freiheit im Raum gebrochen. Sie hat hier eigentlich keinen Raum, sie kann allenfalls in der Vorstellung des Gefangenen oder heute des Besuchers entstehen und diese Vorstellungswelt ist immer angreifbar durch die reale Welt, in Form von bedrückenden, brutalen Klängen, die uns auch in den Installationen immer wieder in die Realität holen.
Betrachten wir aber die Installationen in der Reihenfolge, in der die Besucher die Ausstellung betreten. Gehen wir in die erste Etage, erreichen wir auf der linken Seite zuerst die abgedunkelte Zelle 148 mit der Installation von Hanns Holger Rutz. Auf der dort eingebauten Pritsche sitzend, sind die Klänge nur über Kopfhörer zu hören. Schon allein durch diese Abschottung vom akustischen Umfeld führt uns der Komponist die Isolation des Gefangen vor Ohren. Durch Separation und Abgeschnittenheit von der Außenwelt, aber auch von seinen Mithäftlingen, bleiben dem einzelnen nur ein innerer Monolog und die Fantasie. In der Klanginstallation von Hanns Holger Rutz wird zuerst in einem Einhörvorgang der Klang der Zelle selbst eingespielt. Das Hören des umgebenden Raumes durch Kopfhörer ist ein Verfremdungseffekt, der die bedrückende Atmosphäre der Zelle auch akustisch deutlich werden lässt. Darüber öffnet sich im Laufe der Entwicklung der Klänge ein Möglichkeitsraum: ein Produkt der Imagination des Gefangenen und dem realen Innen- wird ein imaginierten Außenraum gegenübergestellt.
Gehen wir weiter, kommen wir zu dem Gemeinschaftswerk von Ludger Kisters und Markus Schlaffke mit dem Titel „Zieht, Gedanken auf goldenen Flügeln“. Flugzeugsitze und Anklänge an Verdis Gefangenenchor aus Nabucco, beides Symbole für Freiheit, bilden hier einen krassen Gegensatz zur beengten Räumlichkeit der Gefängniszelle. Sehr leise sind die Passagen aus der Verdi Oper zu hören, sie reißen ab, werden unterbrochen, überlagern sich und lösen somit den symbolischen Gehalt der Oper auf. Den Text des Chores kann man aber in bunter Laufschrift auf einem Display vor den Sitzen lesen. Gerade in Verbindung mit der Flugzeugatmosphäre, kommen einem statt dem „Flug in die Freiheit“, eher eine Verschleppung oder eine Reise mit ungewissem Ausgang in den Sinn.
In der nächsten Installation hat Ludger Hennig die Klangwelt des nächtlichen Erfurts verarbeitet. Er hat als einziger Komponist die Zelle in ihrem ursprünglichen Zustand belassen und arbeitet mit so genannten Schwingungslautsprechern, die in der Decke des darunterliegenden Raums montiert sind. Der Schall überträgt sich durch den Boden, der Körperklang des Gemäuers wird hörbar, der Zellenraum erweitert sich akustisch und maskiert auf diese Weise die Enge der Zelle. Ludger Hennig bringt Außenklänge, die die Gefangenen hier gehört haben, in die Zelle. Am deutlichsten erkennbar an der Nachtglocke des Doms, die wie ein Bezugspunkt immer wiederkehrt und an der sich viele Häftlinge während ihrer Gefangenschaft orientierten: eine akustische Brücke zur Außenwelt?
Gegenüber befindet sich die Installation von Christian Fischer, die einen ganz anderen Ansatz verfolgt. In dieser abgedunkelten Zelle hören wir eine als Steigerung aufgebaute Komposition, die sehr leise mit Atemgeräuschen beginnt und im Verlauf an Spannung zunimmt. Ein erst leiser, dann immer lauter werdender Sinuston in hohen Frequenzbereichen steigert sich dabei ins fast Unerträgliche und hinterlässt ein bedrückenden Eindruck von der Enge und vor allem der Ausweglosigkeit der Zelle.
Wieder Richtung Ausgang kommend, finden Sie die Installation von Luis Alvarez. Der aus Venezuela stammende Komponist konfrontiert den Hörer mit vier senkrecht gestellten Matratzen, die jeweils einen kleinen Lautsprecher in einem Loch verbergen. Da die Wiedergabe der Klangkomposition sehr leise ist, muss sich der Besucher den Matratzen nähern, um die Klänge besser zu hören und kommt damit auch in die Nähe eines Gefangenen, der dort des nachts liegt und auf die leisesten Geräusche lauscht. Luis Alvarez hat einen Arbeitstext geschrieben, denn ich kurz zitieren möchte:
„Nachts liegt der Gefangene im Bett. Er hört nun anders, als im Verlauf des Tages. Das Ohr an der Matratze… Das Reiben der Matratze am Ohr. Die Matratze als Verstärker. Der Körper, auch er ist auch eine Klangquelle. Das Reiben des Körpers auf die Matratze reizt das Ohr. Das Herz reizt die Matratze, das atmen reizt die Matratze, die Matratze reizt das Ohr. Nur im Liegen lässt sich der Körper hören: organisches Feedback. Zittern, Herzklopfen. Die Matratze als Verstärker der Albträume. Die Matratze als Resonanzkammer. Das Reiben am Ohr, das Reiben an der Wand, das Reiben an der Tür. Der Gefangene sinkt in die Matratze, gräbt ein Loch und steckt das Ohr hinein, um den Klang auszusaugen…“
Damit möchte ich die Vorstellung der Klanginstallationen beenden, denn eigentlich kann man noch so viel darüber sprechen, richtig verstehen kann man sie erst durch das Erleben in den Zellen, für die sie von den Komponisten geschaffen wurden. (Harriet Oelers)

Manfred May - künstlerischer Leiter "Einschluss 2" - Dankeswort und Eröffnung
