Zum SeaM:
Das Studio für elektroakustische Musik (SeaM) wurde 1995 gegründet und 2003/2004 mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Landes Thüringen zu einem modernen Digitalstudio umgebaut. Am SeaM arbeiten unter der Leitung von Robin Minard Studenten der Hochschule für Musik in den Fächern klassische Komposition und elektroakustische Komposition sowie Studierende der Mediengestaltung an der Bauhaus Universität Weimar.
Die Entwicklung der elektroakustischen Musik geht zurück auf die Mitte des 20. Jahrhunderts, als zum ersten Mal Klänge und Geräusche elektronisch gespeichert, bearbeitet und künstlich synthetisiert werden konnten. Während heute praktisch die gesamte Popmusik "elektronisch" produziert wird, impliziert der Begriff der elektroakustischen Musik, der im Bereich der Kunstmusik verwendet wird, auch spezifische ästhetische Prämissen. Dazu gehört insbesondere die Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Raumes als ein wichtiger Parameter der Komposition und der Interpretation der Werke.
Stereophone und mehrkanalige Werke werden auf einem Lautsprecherorchester (Acousmonium) interpretiert, das den Hörer von allen Seiten umgibt und die Bewegung und Auffächerung des Klangs im Raum erlaubt. Zu Gehör gelangen aktuelle Produktionen von Studierenden und Mitarbeitern des SeaM.
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Weitere Details sowie technische Ausstattung des SeaM findet man hier:
http://www.hfm-weimar.de/v1/studium/institute/fb2/neue_musik/studio.php
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Konzert-Stücke:
Luis Alvarez - "Limites (Grenzen)" ; 5'13", stereo
Programmnotiz:
Ein Gedicht von Jorge Luis Borges (1899-1986)
Grenzen
Es gibt eine Zeile von Verlaine, an die ich mich nicht erinnern werde,
es gibt eine Straße in der Nähe, die meinen Schritten verboten ist,
es gibt einen Spiegel, der mich zum letzten Mal gesehen hat,
es gibt eine Tür, die ich bis zum Ende der Welt geschlossen habe.
Unter den Büchern meiner Bibliothek (ich schaue sie an)
gibt es eines, das ich nie öffnen werde.
Diesen Sommer werde ich fünfzig;
der Tod nutzt mich ab, unaufhörlich.
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Blazej Dowlasz - „encoded pulses“ ; 11', 8-kanal
Programmnotiz:
Als Ausgangsmaterial für das Stück wurde ausschliesslich Rauschen verwendet. Aus dem, mit Hilfe der Granularsynthese, kurze Impulse („....pulses“) generiert wurden; ein Material, das sich durch seine Neutralität unbegrenzt frei formen und verfremden lässt. Aus diesem, durch verschiedene Bearbeitungsprozesse entstehen abstrakte Räume, Klangflächen und Landschaften die manchmal wegen ihrer Lautstärke und zeitlicher Gestaltung interessante Wahrnehmungsprozesse hervorrufen („encoded....“).
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Christian Fischer - "Raumbilder" ; 7'50", stereo
Die verwendete Kompositionstechnik lässt Parallelen mit Jackson Pollocks
Bildern wie „Convergence“ oder „Blue Poles“ zu. Doch im Gegensatz zu
deren abstrakten Erscheinung formt „Raumbilder“ bewusst
Assoziationsketten und fantastische Welten in imaginären Räumen, die es
so in der Natur nicht geben kann. Da dies für jeden Zuhörer anders
geschehen soll und muss, gibt es keinen objektiven Ansatz zur
Interpretation. Das Stück verweist also in seiner räumlichen und
zeitlichen Komposition im Moment der Aufführung auf den Raum, das
Erlebte und die inneren Bilder des Rezipienten. Es entsteht ein Dialog
zwischen Innen und Außen, zwischen Nah und Fern und natürlich zwischen
dem Vergangenem und dem Erleben im hier und jetzt.
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Constantin Popp - "Zerbrechlich" ; 7'22", stereo
Programmnotiz:
"Zerbrechlich" beschreibt Zerfall und Auflösung einer Gemeinschaft. Was sagt man, wenn nichts mehr zu sagen ist. Als Material wurden Aufnahmen von Geigen, eines Violoncello und eines
Klaviers in einfachen, physisch wirkenden Artikulationen genommen, das
dann anschließend verarbeitet wurde, mit dem Ziel der morphologischen
Auflösung des Materials. Aber auch unabhängig der Klangtransformationen
sind auf kompositorischer Ebene Auflösungs- bzw. Zerfallprozesse
verwirklicht, zum Beispiel hinsichtlich der Tonhöhenorganisation in traditionell
hörbaren Akkorden, die dann aufgrund zunehmender Auflösung der
Rastierung ihrer Tonhönen zu Klanggemischen diverser Farben zerfallen.
Oder ein anderes Beispiel: das zunehmende Unvermögen von Schaltklängen
die Struktur zu wechseln, bzw. den Prozess des Zerfließens ihrer eigentlich
harten, kurzen, artikulierten Gestalt zu etwas weichem, langgezogenem,
öligem.
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Robert Rehnig - "Zwischenspiel für Schumanns Engel" ; 3'45", stereo
Programmnotiz:
In einer Biographie über Clara Schumann beschreibt Dieter Kühn ein Symptom des sich verschlechternden Gesundheitszustandes Schumanns. Wenige Zeit bevor er sich in Düsseldorf in den Rhein stürzte und daraufhin in die Psychiatrie in Bonn-Endenich eingeliefert wurde, hörte er einen ununterbrochenen Klang, den er in der Lage war, mit seinem eigenen Willen zu steuern. Auf diese Weise konnte er angeblich ganze Werke in seinem Kopf improvisieren. Kam er jedoch zum Schlussakkord, so blieb dieser in seinem Gehör unverändert stehen. Insbesondere die zweite der fünf Geistervariationen, die er in dieser Phase komponierte und den Eindruck hinterlässt, jeder neue Ton bedürfte einer Anstrengung um zu entstehen, war Anregung für dieses Stück. Der Titel bezieht sich auf die oft zitierte Aussage Schumanns, das Thema zu diesen Variationen hätten ihm die Engel, darunter auch die Geister Bachs und Schuberts, diktiert.
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Ludger Hennig / Markus Markowski / Sciss - Live-Improvisation ; ca. 15-20', 4-kanal
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Ludger Kisters - "Takutaku – a story line, Teil 2" ; 9'10", 8-kanal
Programmnotiz:
Während meines einjährigen Aufenthalts in Aotearoa/Neuseeland nahm ich verschiedenste Klänge auf, von alltäglichen Umgebungsklängen bis hin zu Interviews und Konzertmitschnitten. Wieder in Weimar, verwob ich diese Tonaufnahmen im SeaM (Studio für elektroakustische Musik der Weimarer Musikhochschule) zu einem vielschichtigen elektroakustischen Klangbild meiner Erinnerung.
Eine wichtige Bedeutungsebene stellt dabei meine Begegnung mit der Musikkultur der Maori, der indigenen Bevölkerung Aotearos, dar. So ist Takutaku der Name für improvisierte Lieder, mit denen traditionelle Musikinstrumente mir vorgestellt wurden. Einige dieser Instrumente, Taonga puoro (Klangschätze) genannt, sind im Original oder als Bearbeitung zu hören, z.B. Purerehua (Schwirrholz), Putorino (hölzerne Mischform aus Flöte und Trompete), Hue puru wai (Kalabassenklänge), Tumutumu (Perkussion mit Steinen, Knochen oder Hölzern). In diesem Sinne thematisiert die Komposition den Zusammenhang von Verstehensprozessen und selektiver, kulturell geprägter Wahrnehmung.
Mein grosser Dank gilt Horomona Horo, Ngawara Gordon und Richard Nunns für ihre Unterstützung.
